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Posts Tagged ‘Deutsche in Estland’

Ist es bei unseren Nachbarn besser?
Oft hört man, dass Estland weiter sei als Lettland. Das käme vom zusammengesparten Geld im staatlichen Haushalt, und deshalb wäre dort die Wirtschaftskrise weniger zu spüren, es gäbe berechtigte Hoffnungen zur Einführung des Euro während der nächsten Jahre, die Kultur würde effektiver gefördert, es gibt eine neue Nationalbibliothek und ein neues Kunstmuseum.
Anlässlich meiner Teilnahme am Pastoralkolleg in Tallinn nutzte ich die Gelegenheit  und schaute mich dort um, mit der Absicht, festzustellen, ob es unsern Nachbarn wirklich besser geht?
Das alte und das moderne Tallinn
Als wir am Abend in Tallinn eintrafen, fühlten wir uns wie in einem Märchen. Die Türme und Straßen der Altstadt sind beleuchtet und der Schnee unter den Füßen sieht aus wie Speiseeis mit dem Belag von Schokoladenstückchen. Die Esten bekämpfen den Schnee nicht mit Salz sondern mit winzigen Steinchen, die sie hier in Estland zusammengelesen haben, die man nachher im Frühjahr wieder zusammen fegt und in Behältern bis zum nächsten Jahr aufbewahrt. Und Eiszapfen fallen nicht von den Dächern und um Schneehaufen braucht man keinen Bogen zu machen. In der Altstadt von Tallinn ist es recht still, im Zentrum von Riga ist es viel lauter. In der estnischen Hauptstadt sieht man abends fast nur Touristen, die nach einer Weile in einem Restaurant oder in einem Souveniergeschäft verschwinden. Unsere Unterkunft war in einem Hofhaus neben der Heilig Geist Kirche, welche man für eine der ältesten Kirche Tallinns hält. In dieser Kirche verspürt man wirklich den Atem der Antike, den von vielen Füßen abgetretenen Fußboden aus Holz, dänische Fähnchen auf den Holzschnitzreien  (die daran erinnern möchten, dass Tallinn von Dänen gegründet worden sei, obwohl Historiker eine andere Meinung haben), viele Bilder auf den Rändern der Emporen mit Szenen aus den Evangelien. Der Pfarrer könnte über sie an jedem Sonntag predigen, und hätte dabei Stoff für mehr als ein Jahr.
Obwohl ich es mir vorgenommen hatte, in meiner Freizeit das berühmte Kunstmuseum „KUMU“ und die Nationalbiblothek zu besuchen, habe ich diesen Vorsatz nicht wahr machen können. Mich begeisterten die Buchgeschäfte, besonders die Bildbände und die Regale mit Materialien aus der Völkerkunde. Natürlich fand ich dort ausch im Ausland herausgegebene Alben, aber auch Unmengen von in Estland erschienenen Bildbänden. Ich hatte den Eindruck, dass es von jeder Stadt, jeder Insel, jedem Stück Natur ein Buch gäbe! Dann gab es Stapel von Büchern mit historischen Fotos. Die Völkerkunde scheit hier zum „Stil“ zu gehören. Somit ist Ethnographie nicht etwas Verstaubtes, Historisches, sondern kann den Stil prägen! Ja, die Esten möchten Ethnographie gerne modern und unserer Zeit entsprechend präsentieren. In jedem Jahr wird auch ein Preis für Formgestaltung verliehen, und um den zu erhalten muss man Gegenstände mit einem ethnographischen Hintergrund schaffen. Die Ethnographie wird auch von Herstellern der Gegenwart benutzt. So bietet die Strumpfindustrie volkstümliche Socken Säckchen und Handschuhe  an, die als Geschenke gut
zu verwenden sind. Große dicke Bücher mit Fotos und technischen Zeichnungen  und vielen anderen Details berichten von den verschiedenen Gewändern des Volkes. Ebenso gibt es in den Sammlungen der Museen Bücher mit Forschungsergebnissen auf vielen Gebieten, historischedn  Karten. Ich habe Esten gefragt: Woher kommt es, dass es bei euch so viele schöne Bücher gibt?  Sie antworteten: Es sind die Projekte, die Projekte und noch einmal die Projekte.
Doch es gibt auch ein Aber… Die Bücher in Estland sind sehr teuer. Viel teuerer als in Lettland. Deshalb habe ich mich über sie sehr gefreut, viele durchgeblättert und keins nach Lettland mitgenommen. Überhaupt unterscheidet sich das Zedntrum von Tallinn von der Altstadt von Riga durch seine Preise, so dass man den Eindruck hat, dass die Stadtmitte nur für die Touristen gedacht ist, und sich das eigentliche Leben etwas außerhalb der Altstadt abspielt.
Lettische Töne in Tallinn
Plötzlich höre ich in lettischer Sprache: „Ich freue mich sehr, Sie hier zu sehen und mit ihnen lettisch sprechen zu können.“ Der das mit leuchtenden Augen sagte, war kein in Estland lebender Lette, sondern der Pfarrer der deutschen und auch einer estnischen Gemeinde Matthias Burghard. In diesen Tagen ist er der allergrößte Polyglott. Mit den Esten spricht er in einem singenden Estnisch, mit den Deutschen redet er deutsch und mit den Letten lettisch. Eine Station auf dem Lebensweg von Matthias war auch Lettland. Dort hat er zwei Jahre lang die deutschen Gemeinden betreut, danach kehrte er nach Deutschland zurück, und weil danach die Stelle des deutschen Pfarrers in Riga besetzt war, begab er sich nach Estland. Nach seinen eigenen Worten versieht Matthias in Estland vier verschiedene Stellen. Erstens ist er der Pfarrer der deutschen Gemeinde, die eine Gemeinde der Estnischen Evangelisch-lutherischen Kirche ist. Von der Zahl her hat sich die deutsche Gemeinde inzwischen verfünffacht, und deshalb ist inzwischen die Kapelle des Theologischen Institus viel zu eng geworden,. Deshalb finden jetzt die deutschen Gottesdienste im Haus der schwedischen Kirche statt. Seine zweite Stelle ist der Dienst als Hilfspfarrer in einer estnischen Kirchengemeinde – in Nomme, einem Vorort von Tallinn. Die dritte Arbeitsstelle des deutschen Pfarrers ist die eines Lehrers im Englischen Gymnasium, wo er Religion und Philosophie unterrichtet. Viertens begleitet er deutsche Reisegruppen bei ihren Reisen durch das Baltikum, und fünftens korrigiert er die deutschsprachigen Arbeiten von Doktoranden. Im Seminar haben wir gesehen, dass er in Estland am rechten Platz ist, denn Matthias ist gleichzeitig ein deutscher Botschafter in Estland und ein estnischer Botschafter bei den Deutschen. Er ist aujch ein aktives Mitglied der deutschen Gesellschaft, deren Treffpunkt das deutsche Café ist, welches den Eindruck macht, als wäre es aus einer deutschen Kleinstadt hierher geflogen. Doch die Lösung ist ganz einfach: Der Inhaber des Cafés hat die Kunst der
Brot- und Kuchenbackens in Deutschland erlernt und danach in Tallinn dieses Café nach deutschem Vorbild mit dem entsprechenden Sortiment eingerichtet.
Doch – weshalb ist Matthias in Estland und nicht in seiner Heimat tätig? Er berichtet, dass er in Deutschland alle Möglichkeiten des Arbeitens und Lebens gehabt hätte, was für ihn und seine Familie eine sichere Existenz bis zu seinem Lebensende bedeutet hätte. Doch der Pfarrer hatte das Empfinden, dass sich bei einer Absicherung dieser Art sein Denken und Empfinden verändert hätte und ihm sein Vertrauen auf Gott abhanden gekommen wäre, dass Er es ist, der den Auftrag erteilt und sich auch um die Existenz dessen kümmert, dem Er den Auftrag erteilt hat. Für ihn wäre es das Wichtigste, dem Willen Gottes gehorsam zu sein, auch wenn die Zukunft oft völlig ungewiss erscheint und man mit wenigen Mitteln auskommen muss. Deshalb hätte er sich nach Estland begeben. Für Matthias ist es wichtig, nicht anders da zu stehen als seine estnischen Amtsbrüder und Gemeindeglieder:, mit dem gleichen  Einkommen und vielen Arbeitsstellen. „Ich sehne mich nicht nach Deutschland zurück!  Auch wenn ich nicht nie sage! In Estland kann ich viel Neues anfangen!“ Auch hat Matthias Lettland noch nicht vergessen, das ihm noch in sehr guter Erinnerung ist.. Deshalb wagte ich es, ihn zu fragen, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Letten und  Ersten er wahrgenommen hat. Der Pfarrer antwortet mir darauf, dass die Esten zurückhaltender seien und man sie am besten durch den Verstand erreichen würde, während die Letten emotionaler und herzlicher wären. Das, was manche Letten dächten, wäre nicht wahr: das sich Esten für bessere Menschen hielten als die Letten. Nein, die Esten lieben ihre Nachbarn und interessieren sich für sie. So haben sich die Esten von Herzen über die olympischen Erfolge der Letten gefreut.
Zwei Kirchen.
In Estland habe ich mehrere Kirchen besichtigt, doch möchte ich ganz besonders zwei erwähnen, die sich sehr voneinander unterschieden. Die erste ist die St. Jakobikirche in Viimsi, unweit von Tallinn. Sie wurde 2007 vollendet und ist so asketisch gestaltet, wie es nur möglich ist. Vom Eingang her betritt der Besucher die Eingangshalle, von der aus man in die Sakristei oder in den großen Gottesdienstraum kommen kann. Hinter dem Altarfenster wiegt sich eine reich mit Tannenzapfen besetzte Tanne im Wind. An den Wänden sehen wir Bilder mit christlicher Thematik. Die Architektur der Kirche macht keinen spezifisch estnischen Eindruck, sondern erinnert eher an  in den 60er Jahren erbaute Kirchen in Deutschland. Für diese Kirche wurden viele Jahre lang Spenden gesammelt und der Patron dieser Kirche war der ehemalige estnische Staatspräsident Lennard Meri, der auch in der unmittelbaren Nachbarschaft zur Kirche wohnte. Die Kirche war eigentlich viel größer und breiter geplant, aber es fehlte an Mitteln, und deshalb musste das Vorhaben verkleinert werden.
Als wir an die Alexanderkirche in Narwa heranfuhren, waren wir überzeugt, dass wir gleich ein orthodoxes Gotteshaus betreten würden, denn von außen her erinnerte es an eine orthodoxe Kirche – mit einer gewaltigen Kuppel. Und was für ein Gotteshaus sollte sich uns  sonst in dieser Stadt so nah an der russischen Grenze zeigen, in der 80 % der Einwohner nur russisch sprechen? Doch wenn man die Kuppeln der Kirche aufmerksamer betrachtet, dann wird deren Spitze nicht mit einem orthodoxen Kreuz sondern mit dem bei lutherischen Kirchen  üblichen Hahn geziert. Somit ist es ein lutherische Gotteshaus. Es wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts als Garnisonskirche erbaut und bildete seit langem das lutherische Zentrum von Narwa. Wenn man den Innenraum der Kirche betritt, nimmt es einem den Atem, und man muss den Kopf schon sehr drehen, wenn der Blick die Decke erreichen  soll. Der Raum ist gewaltig groß, und wenn man ihn wieder restaurieren wollte, dann bedürfte es noch einer gewaltigen Menge Geldes. Damit es der Gemeinde gelingt, diese Restaurierung sensibel durchzuführen und damit die dort herrschende schöne und ganz besondere Atmosphäre   keinen Schaden nähme, bedarf es vieler Vorbereitungen. Der große Turm der Kirche ist
bereits restauriert. Die vielen Etagen der Kirche sind durch einen  Lift verbunden. In den ersten beiden Etagen wurde eine kleinere Kapelle für die Gottesdienste erbaut,  denn es ist nicht möglich, im Winter die Kirche zu beheizen. Auf den oberen Etagen ist ein Museum der Kirche eingerichtet und ein kleines Café mit dem Blick auf die Stadt. Nicht weit von dort verläuft unten die estnisch-russische Grenze. In der Alexanderkirche finden zur  Zeit estnische, finnische und russische Gottesdienste statt, was dieser Stadt entspricht, die eine Einwohnerschaft mit einer so vielfältigen Volkszugehörigkeit hat.
Somit – ist bei unseren Nachbarn besser als bei uns?
Auf diese Frage habe ich keine Antwort gefunden. Doch auf meiner Suche nach Unterschieden habe ich viel mehr Gemeinsames gefunden. Im estnischen Historischen Museum habe ich mir den Film „Die singende Revolution“ angesehen, der über die jüngere Geschichte berichtet und dabei die Tradition der Chor- und Liederfeste ausbreitet und die Bilder des estnischen Fotografen Ingmar Mustikus betrachten lässt. Dabei konnte man einfach nicht übersehen, wie viele Parallelen es in den Traditionen und in der Geschichte unserer Länder gibt. Man sollte eher von einer gemeinsamen Geschichte sprechen – die Liederfeste, die Chortradition, die Volkstrachten, die Freiheitskämpfe, die Republik zwischen den beiden Weltkriegen, die Besatzungen, die Waldbrüder und die von Gesang erfüllte Stimmung. Eigentlich ist es schade, dass wir so wenig über unsere Nachbarn im Norden wissen. Und es hört sich wirklich paradox an: damit das alles geschehen konnte, hat mir die Nordelbische Kirche in Deutschland geholfen, die uns dieses Patoralkolleg geschenkt hat, für das ich herzlich danken möchte. Obwohl mich mein Weg öfter nach Estland führt, so weiß ich ich komme trotzdem wieder!

Übersetzung: Johannes Baumann

Fotos:

http://fotki.lv/lv/noskumusi/720853/

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