Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Menschen’ Category

TEXT Ingrīda Briede, Ubersetzung Johannes Baumann, Fotos: http://fotki.lv/lv/noskumusi/573984/

Es gibt einen Ort in unserem Nachbarland Estland, zu dem ich von Zeit zu Zeit hinfahren und dabei auch meine Freunde mitnehmen möchte. Das ist eine ganz eigenartige Welt – diese Dörfer der Altgläubigen Kolkja, Mustve, Kallaste und Raja am estnischen Ufer des Peipus Sees. Von Lettland her ist der Weg nicht allzu weit – etwa 80 km von der Grenzstadt Valka bis nach Tartu und dann noch 40 bis zur Küste des Peipus Sees. Einst stand hier die Kultur der Altgläubigen in voller Blüte, die Menschen lebten hier in einer abgeschlossenen Umgebung, und der Glaube und die Tradition prägten die Leute sehr stark. Nun herrscht auch hier wie überall das Globale, die Traditionen machen sich nicht mehr eindeutig bemerkbar, die Jugend hat sich bei ihrer Arbeitssuche über alle Welt verstreut, aber dennoch ist hier etwas von dem Vergangenen zu bemerken. Die Menschen vor Ort befürchten, dass die Welle der Touristen die letzten verbliebenen Traditionen zerstören könnte, aber vielleicht kommt es dadurch zu etwas ganz anderem und trägt dazu bei, dass die Tradition erhalten bleibt, denn viele Touristen suchen das Ursprüngliche und Echte.
Wenn man zum Peipus See fährt, dann sollte man auf jeden Fall in Tartu Halt machen und dort die Universität und die Antonius Gilde, das Haus der Handwerker, besuchen, einen Spaziergang durch die Altstadt machen und den Domberg besteigen. Die Einwohner der Stadt sind stolz auf ihre St. Johanniskirche in der Mitte der Altstadt. Dort kann man etwas ganz besonderes sehen – Tausend winzige Terrakottaskulpturen aus dem Mittelalter. An anderen Orten in der Welt gibt es vielleicht an einer Stelle 400, aber hier tatsächlich Tausend. Dabei ist es interessant, zu erfahren, dass es noch bis zum Zweiten Weltkrieg nicht bekannt war, dass solche Skulpturen überhaupt existierten, aber während des Krieges wurde durch eine Explosion die Stukkatur niedergerissen und dadurch diese Schätze aus vergangenen Zeiten an das Licht gebracht. In der Kirche kann man auch eine Ausstellung besichtigen und dort befindet sich auch ein kleines christliches Geschäft, und sehr oft finden dort Konzerte statt. Die Domruine steht auf dem Domberg über Tartu seit der Zeit der Reformation. Eins war das Bistum Tartu ein eigenes Bistum. (Über die Livländische Zeit kann man auch viel im Museum der Burg von Turaida erfahren.)

Der Peipussee, Zwiebeln und geräucherter Fisch
Eine neu erbaute Autostraße führt uns von Tartu zur Küste vom Peipus See und zum Dorf Varnja. Dort beginnt ein langer Weg, an dessen Rande viele kleine Häuser im russischen Stil mit ihren Vorgärten stehen. Dieser Weg erstreckt sich mit kurzen Unterbrechungen fast an der ganzen Küste vom Peipus See entlang. Und nun sollte man die Augen sehr weit aufmachen, denn hier gibt es viel zu sehen. Im Frühjahr sind es die Holzfällerarbeiten, später die Arbeiten des Säens und Pflanzens und noch später das Einbringen der Ernte vor allem der Zwiebeln in jedem Hof. Unsere Fremdenführerin im Museum der Altgläubigen Anna berichtet: „Für die Einwohner der Dörfer ist die Arbeit sehr wichtig. Im Frühjahr schauen wir nach, ob die Nachbarn noch draußen sind und im Garten arbeiten., wenn sie das nicht tun, dann ist ihr Leben zu Ende gegangen. Denn alle, die sich noch bewegen können und leben, die arbeiten – die Frauen im Garten und die Männer sind unterwegs zum Fischen.“ In jedem Garten gibt es erhöhte Zwiebelbeete, und eins der Souvenirs, dass man immer von hier vom Peipus See mitnehmen sollte, ist ein prächtiges Gerät zum Sieden der Zwiebeln. Früher haben die Einwohner am Peipus See das ganze Gebiet von Helsinki und Petersburg bis hin nach Riga mit Zwiebeln versorgt. Von der einstigen Weite dieses Gebietes ist heute nur noch ein Viertel übrig geblieben. Ebenso beschäftigen sich die Menschen vor Ort mit der Fischerei. Auch jetzt ist der Peipus See eine beliebte Stelle für das Angeln im Winter und die Hauptsaison für den Tourismus ist hier der Winter, an dem sich die Männer zusammentun, die keine Angst davor haben, die kältesten Tage im Winder auf dem See zu verbringen, viele Kilometer vom Ufer entfernt. Am Peipus See gibt es auch eine Fischkonserven Fabrik, und in dem kleinen Geschäft in Mustve kann man alle Arten von Fischkonserven kaufen.

Kolkja – Geschichte und Kultur der Altgläubigen
Wenn man nach Kolkja kommt, sollte man zuerst das neu erbaute Informationszentrum vom Peipus See besuchen. Hier berichten uns die freundlichen Mitarbeiterinnen, was in der Umgebung sehenswert ist. Im Geschäft kann man verschiedene Souvenirs einkaufen und sich mit einer Tasse Kaffee stärken. Zu den Souvenirs gehören Handarbeiten, selbst hergestellter Zucker und Tee. Die Handarbeiten stammen von den Frauen aus den Dörfern oder werden im großen Saal des Informationszentrums angefertigt. Auf jeden Fall sollte man in Kolkja das Museum der Altgläubigen besuchen. Die gut informierte Fremdenführerin Anna gibt uns Einblick in die Traditionen der Altgläubigen und demonstriert uns, wie die Altgläubigen ihre Gebete singen. Inzwischen bin ich dort mehrfach gewesen, aber jedes Mal erfuhr ich viel Neues. Die Kultur der Altgläubigen ist bewundernswert tief und eigenartig.
Die Bewegung der Altgläubigen entstand um 1654, als der Moskauer Patriarch Nikon eine Revision der Gebet- und Gesangbücher durchführte und damit an die griechisch orthodoxe Kirche näher heranrücken wollte. 1666 trennte sich eine Gruppe von Menschen, die diesen Reformen nicht zustimmen wollte, von der russisch orthodoxen Kirche. Die größten Unterschiede zwischen den orthodoxen und den altgläubigen gibt es in der Liturgie. So bekreuzigen sie sich auf verschiedene Weise, oder in der Osternacht umschreiten sie die Kirche unterschiedlich (die Altgläubigen in Uhrzeigerrichtung und die Orthoxen gegen die Uhrzeigerrichtung). Auch haben sie verschiedene Kreuze. Die Altgläubigen haben keine eigenen Priester, aber die Väterchen aus der Mitte der Dorfbewohner, die das Amt eines Sprechers wahrnehmen Sehr wichtig ist für sie die Beichte. Jeder von ihnen muss einmal im Jahr zur privaten Beichte gehen. Wenn jemand gestorben ist, dann betrachtet man zuerst sein Kirchenbüchlein, ob er während der letzten Jahre gebeichtet hat. Wenn das geschehen ist, dann verläuft das Bestattungsritual in der vollen Länge und der Verschiedene wird mit seinem vollen Namen genannt. Liegen keine Eintragungen vor, dann werden in der Liturgie ganz andere Psalmen gelesen und die Bestattung verläuft anonym, das bedeutet, dass bei der Bestattung der Name des Verstorbenen nicht erwähnt wird. Eigentlich sollte jedes Dorf seinen geistlichen Leiter haben, doch das ist jetzt nur selten der Fall. Daher haben es die Altgläubigen mit der Beichte heute oft leichter. Sie geschieht für alle Männer eines Dorfes gemeinsam, und von ihnen getrennt für alle Frauen. Da wird das Sündenbekenntnis aus einem Buch vorgelesen und darauf bekennen alle gemeinsam ihre Sünden. Für die Altgläubigen ist auch das Fasten sehr wichtig. Dabei verzichten sie auf verschiedene Lebensmittel und auf den Geschlechtsverkehr. Jemand hatte einmal ausgerechnet, dass es im Jahr nur 50 Tage gäbe, an denen die Altgläubigen nicht zu fasten brauchten. Die Kinder werden innerhalb einer Woche nach ihrer Geburt getauft. Dabei muss das Wasser „lebendig“ sein, das heißt es darf nicht der Wasserleitung entnommen werden, sondern muss einem See oder Fluss entnommen sein. Unsere Fremdenführerin Anna erinnert sich daran, dass ihr Brüderlein mit Seewasser getauft wurde, auf dem noch Eisstücke schwammen. Für die Altgläubigen ist die Trauung kein Sakrament. Das junge Paar bat die Eltern um ihren Segen für die Ehe und richtete dann ihre gemeinsame Wohnstätte ein. In späteren Jahren verlangte der Staat die standesamtliche Trauung. Die Altgläubigen achteten sehr streng darauf, dass die Familie ihre Mahlzeiten aus ihrem eigenen Geschirr einnahm und dass man einem Fremden auf keinen Fall ein Getränk in einem Gefäß anbieten dürfte, das die Familie benutzt, sondern dass es für Gäste besondere Gefäße gab. Ebenso musste auch ein Mann aus der Familie, wenn er seine Arbeit irgendwo in der Ferne verrichten musste und dann nach längerer Zeit wieder nach Hause zurückgekehrt war, sich zwei Wochen lang einer Art Quarantäne unterziehen und durfte dann nicht bei den Mahlzeiten die Gefäße der Familie benutzen. Nach zwei Wochen musste er sich in der Sauna gründlich reinigen und durfte danach wieder das Geschirr der Familie benutzen.
Bereits im 16. Jahrhundert suchten die Altgläubigen außerhalb Russlands im heutigen Baltikum nach Möglichkeiten, in ihrer Glaubensfreiheit zu leben. Die größte altgläubige Gemeinde gibt es heute in Daugavpils. An dem Ufer vom Peipus See entstand eine geschlossene Gemeinschaft mit ihren Traditionen. Und dennoch hatten die Altgläubigen auch hier nicht immer ein ruhiges Leben. Im 18. Jahrhundert konnten die Altgläubigen friedlich leben und ihre Traditionen ungestört pflegen, doch etwa 1820 begannen die Verfolgungen. Die Altgläubigen durften nicht mehr eigene Bethäuser erbauen und Gottesdienste halten mit ihren Zeremonien. Es wurden Vorfälle beschrieben, dass man Bethäuser der Altgläubigen zu orthodoxe Kirchen umbaute, den Eltern ihre Kinder wegnahm, diese orthodox taufte und sie an orthodoxe Familien zur Erziehung weiter gab. 1833 wurde es den Altgläubigen wieder erlaubt, Kirchen zu bauen und Gottesdienste zu halten. 1905 trat das Gesetz von der Freiheit des Glaubens in Kraft, und seitdem konnten die Altgläubigen ihre Gemeinden und Organisationen offiziell registrieren lassen.
Die Jahre des freien Baltikums zwischen den beiden Weltkriegen vergingen an der estnischen Küste vom Peipus See friedlich, aber die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten wieder neue Einschränkungen mit sich. Nachdem Estland jetzt wieder seine Freiheit zurück gewonnen hatte, konnten die Altgläubigen im vollen Maße ihr geistliches Leben führen, altgläubige Museen erbauen und in den Schulen den Kindern die Grundlagen des Glaubens vermitteln.
Eine weitere Attraktion in Kolkja ist das Restaurant der Altgläubigen. Hier wird die Möglichkeit angeboten, sich traditionelle Mahlzeiten aus dieser Küstengegend schmecken zu lassen – Fischsuppe, gebackenen Fisch, Zwiebelgerichte, sich bei dem Nachtisch die Piroggen schmecken zu lassen und sich ein Stück Zucker seitlich in den Mund zu stecken und dazu grünen Tee aus dem Samowar zu trinken

Der Friede, wie er nur am Peipus See möglich ist.
Als nächsten Halt empfehle ich das kleine Dorf Kallaste. Auf dem Wege kann man die Burg Alatskivi betrachten, was wie ein Rückzug von der Kultur des Altgläubigen anmutet. Die Burg weist Elemente der estnischen, deutschen und schottischen Bautraditionen auf. Im kleinen Dorf Kallaste lohnt es sich, den Weg am See entlang einzuschlagen und dann den Weg zum Friedhof der Altgläubigen zu nehmen. Die Verstorbenen von Kallaste ruhen auf einer Höhe über dem Uferrand unmittelbar neben dem See. Besonders merkwürdig sehen die Kreuze der Altgläubigen aus. Auf dem oberen Querholz steht altslawisch geschrieben „Vater des Lichtes“ und „Jesus“; auf dem nächsten Querholz „Gottes Sohn“, doch das untere schräge Querholz enthält den Namen des Verstorbenen und erinnert an die beiden Schächer, die zur Seite Jesu auf Golgatha auch rechts und links von ihm gekreuzigt wurden. Wenn wir am Zaun des Friedhofs entlang gehen, kommen wir wieder an das Ufer vom See und an den kleinen Badestrand. Das andere Ufer – das russische – kann man nicht sehen, so dass der Eindruck entsteht, manwäre an dem Ufer eines Meeres.
An der Küste vom Peipus See gibt es sehr viele Übernachtungsmöglichkeiten. Über sie sowie über weitere Ziele für eine Besichtigung sowie über das Museum kann man zu den Gschäftszeiten des Büros und des Dorfkruges und im Internet unter http://www.peipsi.ee weitere Einzelheiten erfahren. Schwerer wird es mit Übernachtungsmöglichkeiten für größere Gruppen. Eins der größten Nachtquartiere ist „Kadrinas hosteli“ einige Kilometer vom Seeufer entfernt. Das hat der Holzbildhauer Taavi Pikk mit seiner Frau erbaut. Unweit vom Nachtquartier hat der Holzbildhauer seine Werkstatt, und auf dem Hof kann man Holzskulpturen betrachten, welche der Künstler selbst hergestellt hat., auch Möbel aus Holz und kleine Märchenhäuser fürKinder.
Am nächsten Tag der Exkursion kann man den Ausflug entlang der Küste vom Peipus See damit fortsetzen, dass man in eines der Bethäuser der einkehrt, sich eine Kollektion von Samowaren ansieht, sollte das Waagenmuseum in Muste besucht. Nach Lettland kann man wieder zurückkehren, wenn man einen Umweg über Peltsama macht und dort den Rosengarten betrachtet und dort eine Kostprobe vom estnischen Wein nimmt und durch das schöne Städtchen geht.

<

Read Full Post »

Letzte Woche habe ich eine Frau besucht, die bis jetzt in Lemsal arbeitete
und auf dem Lande, im typisch lettischen Einzelhof „Malzemnieki“, wohnte.
Leider ist auch sie jetzt arbeitslos geworden, in den Zeiten dieser „Krise“ –
und auf der Suche nach einer neuen Arbeit. Die meisten Arbeitssuchenden
verlassen ja das Land, gehen nach Riga – oder wandern gleich ins Ausland.
Für sie aber kommt ein Umzug nicht in Betracht. Das Haus ist ihr persönlich
sehr wichtig: Hier lebten ursprünglich alle ihre Vorfahren – auch ihre Mutter,
bevor sie nach Sibirien deportiert wurde.

„Malzemnieki“ liegt zwischen Pale und Allendorf (Aloja), im Norden Lettlands,
nicht weit entfernt von der estnischen Grenze. Hier in der Umgebung gibt es
viele verlassene und verfallene Häuser, und deshalb finde ich es großartig,
daß es Menschen gibt, die ihre Häuser nicht verlassen und sie erhalten wollen
– damit die lettische Einzelhoftradition auch noch in die Zukunft besteht !

Irena – so heißt die Frau – hat mit ihrem Sohn das Haus liebevoll gepflegt –
und auch einen schönen Garten eingerichtet. Aber dort herrscht jetzt Krieg !
Nein, diesmal kein Ausrottungskrieg der Bolschewisten gegen das lettische Volk,
sondern Irenas Krieg gegen eine schon in Sowjetzeiten eingeschleppte Pflanze:
den Riesen-Bärenklau, den wir auf Lettisch kurioserweise „Latvani“ nennen…
Fast jeder Morgen beginnt für Irena mit der Bekämpfung dieser Pflanzen-Pest.
Dieser Bärenklau ist ein großwachsende Pflanze, deren Saft bei jeder Berührung
und oft auch schon beim Darunterhinweggehen oft schwerste Verbrennungen
verursacht, sobald die Sonne leicht auf die betreffenden Hautpartien scheint.
Der Kampf gegen diese Pflanze ist äußerst schwer und erscheint fast unendlich.
Um an europäische Fördergelder zu kommen, müßte das Verbreitungsareal fünf
Hektar umfassen – was es an vielen Stellen in Lettland tut, ohne daß dagegen
eingeschritten würde. Irenas Gebiet ist „leider“ kleiner, aber die Pflanze ist hier
genauso bösartig wie sonst und will der jahrelangen Bekämpfung nicht weichen.
Aber Irena glaubt fest an ihren Erfolg !

Gemeinsam mit Irena fuhr ich zum Friedhof von Allendorf. Hier wird nun bald
das „kapusvetki“, ein lettisches Friedhofsfest (bzw. Gräberfest), stattfinden.
Für uns Letten ist das eine wichtige Tradition, denn dann kommen die Familien
zusammen, um die Gräber ihrer Vorfahren zu besuchen und sich zu erinnern.
Irena pflanzte einige schöne Blumen – und schon begann ein heftiges Gewitter.
Ohne unsere Arbeit wirklich beenden zu können, mußten wir zum Wagen und
fahren. Unterwegs nach Hause konnten wir zum Ausgleich dafür noch etliche
herrliche Naturschauspiele bewundern – so wie dieses hier:

Eine kurze Regenpause erlaubte uns, beim verlassenen Hof „Varnas“ zu halten.
Das früher sehr schöne Haus mit einer großen Wirtschaft ist heute verfallen,
der Garten ist überwuchert, und einen Stromanschluß gibt es schon lange nicht.
Wer wird den Mut haben, das Haus zu kaufen und mit neuem Leben zu füllen ?!
Hoffnung macht Irenas Bericht: Als sie in ihr Elternhaus Malzemnieki zurückkam,
sah alles zunächst genauso aus wie hier. Was für ein unglaublicher Wandel !!!
Es ist also möglich, solche Häuser dem Tod zu entreißen – mit Irenas Energie.
Hoffen wir, daß es noch viele Irenas bei uns in Lettland und überall sonst gibt !

Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll

Read Full Post »

.

.

Lielā talka oder Der Große Einsatz

.

Am letzten Samstag im April – das ist in diesem Jahr der 24. – findet

in Lettland die „Lielā Talka“ statt – bzw. „Der Große Arbeitseinsatz“.

„Talka“ ist ein Wort, das nur schwer zu übersetzen ist. Es bedeutet,

daß Nachbarn, Verwandte oder auch Freunde zusammenkommen,

um eine größere Arbeit gemeinsam zu bewältigen. Wenn z.B. ein

großes Kartoffelfeld an einen einzigen Tag abgeerntet werden muß,

ruft man seine Umgebung zu einer „Talka“ zusammen.

.

Zur sowjetischen Zeit gab es eine kommunistische „Talka“ . Diese

fand immer am 22. April jedes Jahres statt. Fur Schüler und alle

Arten von „Kollektiven“ war es damals Pflicht, daran teilzunehmen.

Meistens war an solch einem Tag eine bedeutende Stadt zu reinigen,

ein vom Staat geschätzter Park zu entbuschen oder etwas ähnliches.

.

Nun ist diese Tradition ist wieder lebendig geworden, aber unter

einem anderen Vorzeichen: Den Menschen wird bewußt gemacht,

daß sie für ein saubereres, schöneres Lettland arbeiten müssen –

und dafür ist jedes Jahr wieder eine Menge zu tun !

.

Die anfallenden Aufgaben sind seit Sowjetzeiten dieselben geblieben:

Den vielen achtlos weggeworfenen Müll aus der Landschaft sammeln

(ein nächster Schritt wäre, den Menschen beizubringen, keinen Müll

in die Natur zu werfen), Parks zu säubern usw.

.

Geboren wurde die Idee der Großen Talka 2008 zur 90-Jahr-Feier der

Unabhängigkeit Lettlands. In zehn Jahren, d.h. bis zur 100-Jahr-Feier,

möchte man Lettland und die Länder des östlichen Ostseeraums zur

„saubersten Region der Welt“ gemacht haben. Nicht nur die Letten sind

aktiv: Auch unsere baltischen Nachbarn und die Region St. Petersburg !

.

In Lettland ist diese neue Tradition sehr schnell richtig beliebt geworden:

Fast in jeder größeren und kleineren Stadt, und in praktisch jedem Dorf

finden solche Arbeitseinsätze statt – rund 1.000 Arbeitseinsätze sind bei

den staatlichen Behörden gemeldet !  Und wirklich alle machen dabei mit:

Unternehmen, Schulen und Universitäten, die Armee und alle Behörden –

und sogar der Präsident Lettlands als Schirmherr legt selbst Hand an !

.

Wenn jemand lieber alleine arbeiten will, geht das aber auch. Er kann

dann zum nächsten Supermarkt oder in eine lokale Behörde gehen,

dort einen Müllsack bekommen und sich auf Wunsch auch eine konkrete

Aufgabe zuweisen lassen. Den Müll kann er nachher kostenlos abgeben.

Talka-Zeit ist dabei genau von 9 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags !

.

Mehr über die „Liela talka“ findet man – auch auf Russisch und Englisch ! –

auf der Internetseite www.talkas.lv

.
Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll
.
.

Read Full Post »


.

Das zur Zeit in Lettland mit Abstand angesagteste Getränk ist – Birkensaft !

Die Menschen gehen in den Wald, machen Löcher in die Rinde der Birken

und gewinnen aus diesen ein überaus leckeres, süßlich-wäßriges Getränk.

.

In meiner Kindheit ist mein Vater immer mit mir in den Wald gegangen,

um Birkensaft zu ernten. Mit einem Bohrer bohrte er ein Loch in den Baum,

in das er einen kleinen Stab steckte. Unter diesen Stab stellte er einen Eimer,

oft auch eine Milchkanne, in die der Birkensaft lief.  Über die kleine Anlage

legte er Tannenäste, um sie zu verstecken und Regenwasser fernzuhalten.

.

Wer in Lettland keinen eigenen Wald besitzt, bekommt seinen Birkensaft

meist von Nachbarn oder Verwandten geschenkt, oder er geht zum Markt.

Manche Cafes bieten diesen Saft im Frühling standardmäßig an – ähnlich

wie frischgepreßten Apfel- oder Orangensaft.

.

Ab besten trinkt man Birkensaft möglichst frisch, denn mit jeder Stunde

verliert er einen Teil seines Wertes, den seine Inhaltsstoffe bedingen,

wie Mineralien, Fermente, Naturzucker usw. Ich selbst trinke am liebsten

ganz frischen Birkensaft, denn schon am Folgetag schmeckt er bitterer.

Manche Leute füllen dagegen Birkensaft in Flaschen ab, geben ein paar

Rosinen und ein bißchen Zucker dazu und bewahren diese Zubereitung

in kalten Räumen auf. Sie meinen, daß das Getränk in ein paar Monaten

– z. B. zum bei uns wichtigen Johannestag (die Letten nennen ihn Jani)

– wie Sekt schmeckt.

.

Na dann: Auf in den Wald und guten Appetit !
.

.

Ein Nachtrag: Am Samstag war ich unterwegs nach Segewold (lett.: Sigulda),
und dabei boten sich mir fast direkt hinter der Kremon-Kirche (lett.: Krimulda)
diese Bilder: Kinder verkauften frischen Birkensaft von den eigenen Birken !
Wie man sehen kann, haben die Kinder sowohl fleißig im Wald gearbeitet als
auch bestens für Werbung gesorgt ! Meine Mitfahrerin hat gleich fünf Liter des
köstlichen Safts gekauft. Auf dem Rückweg sahen wir dann den Papa der Kinder
an ihrem Stand sitzen. In diesem Fall sollte aber nicht (wie so oft bei uns nötig)
das karge Familieneinkommen aufgebessert werden, sondern das Taschengeld.
Wahrscheinlich genossen die kleinen Verkaufer ihr Mittagessen oder eine sicher
wohlverdiente Verschnaufpause. Ihr Birkensaft ist einfach köstlich !!!


.

Anmerkung des Übersetzers: Es trägt sehr zur Schonung des Baumes bei,

wenn man nur einzelne Zweige an der Spitze anschneidet und an ihnen

eine den Ast nach unten neigende Flasche befestigt. Anstelle des Haupt-

stammes kann man auch einige der Seitenäste in Stammnähe anbohren.

Früher regelten bei vielen Völkern Rituale diese Schonung der Bäume.

Die Safterntezeit liegt zwischen dem Ende des Frosts und dem Beginn

des Sprießens der Blätter – nachher schmeckt Birkensaft äußerst bitter !

Auch ich kann mich Ingridas geschmacklicher Meinung nur anschließen:

Birkensaft schmeckt mir frisch mit Abstand am besten !!! Freilich kann man

ihn auch vergären lassen – der danach bittere Geschmack ist allerdings

sehr gewöhnungsbedürftig. Ein solches Getränk fand ich unlängst sogar

auf eine moderne Plastikflasche verfüllt in einem lettischen Supermarkt.

Mit Zucker eingekocht kann man Birkensaft zu „Birkenwein“ verarbeiten,

aus dem man unter Hefezugabe o.ä. sogar „Birkenchampagner“ herstellt.

Gereinigt, leicht gezuckert und pasteurisiert wurde trinkbarer Birkensaft

noch zu Sowjetzeiten industriell in Flaschen und Gläser gefüllt verkauft –

mit dem „Kapitalismus“ verschwanden leider viele gute Lebensmittel !

T.W.

.

Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll

.

Read Full Post »

Fotos:

http://fotki.lv/lv/noskumusi/396313/

.

Der Steinstrand von Livland
.

Die livische Küste !  Hier ist die Natur noch so, wie sie sein sollte:

vom Menschen unberührt, aber zugleich ständig in Bewegung,

beeinflußt von Wind, Sonne und Meer.

.

Jedes Mal, wenn man hier her kommt, sieht die Strand anders aus.

Es scheint fast, als bewegten sich die uralten Steine von selbst.

Bäume verlieren den Halt, die Erde um ihre Wurzeln wird von der

Ostsee weggespült, deren Wasser oft dicht an die steile Küste reicht.

Menschen dürfen in dieses äonenalten Vergehen nicht eingreifen –

die gesamte Küste steht unter Naturschutz.
.

Man nennt diese einsame Gegend, die sich entlang der Küste

über etwa 100 Kilometer von Riga bis zur estnischen Grenze

erstreckt, den „Steinstrand von Livland“ (bzw. von Vidzeme),

oder auf Lettisch „Vidzemes akmeņainā jūrmala“.

.

Hier gibt es kaum Menschen, man kann alleine spazieren gehen

oder zusammen mit guten Freunden tiefe Gespräche führen –

oder einfach schweigen und dabei weiter und weiter gehen…

Noch bis zu diesem Baum, nur bis zu diesen Stein dort drüben –

und so merkt man nicht, welch lange Strecke man zurücklegt.

.

An diesem weiten Steinstrand ist es zu jeder Jahreszeit schön:

.

Im Winter herrschen hier Eis und Kälte, man sieht kein Leben.

.

Im Frühling blühen kleine Leberblümchen, und kurz vor dem

Johannistag – die Letten nennen ihn „Jani“ oder „Ligo“ und feiern

an ihm das alte Fest des Nordens, die Sommersonnenwende –

kann man hier traditionelle Heilpflanzen für den Tee pflücken

oder Walderdbeeren sammeln.

.

Ein besonderes Erlebnis ist es, die Sommertage hier zu verbringen.

Der Sommer ist in Lettland sehr kurz – er ist die Zeit der Wärme,

auf die man den ganzen Herbst, Winter und Frühling über wartet.

Selbst im Sommer wird das Wasser der Ostsee nur langsam warm,

und manchmal oder eigentlich, je nach Perspektive, auch nie ganz.

Aber wenn dann endlich der Sommer wirklich zurückgekommen ist,

wenn die Sonne scheint und das Wasser sich etwas aufgewärmt hat,

dann ist es einfach ein Genuß, hier zu sein…

.

Hier kann man ganz für sich allein sein, von niemandem gestört.

Hier kann man auf dem warmen Sand oder heißen Steinen liegen,

in der Sonne baden, dem Wind zuhören, und mit ein bißchen Mut

schwimmen gehen und so ganz mit der Natur verschmelzen…

.

Im Herbst finden sich hier besonders schöne Vogelbeerbäume,

voll roter Beeren, die verraten, daß der Winter bald wiederkommt.

.

Der Steinstrand von Livland ist bei Fotografen ein beliebter Ort.

Hier findet man viele schöne Motive, und wenn man Glück hat,

kann man sogar mit einem der letzten noch hier lebenden Fischer

aufs Meer fahren und den Strand von der Seeseite aus genießen.

.

Auch ich fahre öfters an diesen mir lange vertrauten Steinstrand,

meistens mit der Kamera, manchmal mit jemandem zusammen,

um mit mit ihm dieses schöne Erlebnis in der Einsamkeit zu teilen.

.

Wenn ich es längere Zeit nicht geschafft habe, hierher zu kommen,

frage ich mich oft: Wie sieht es nun an meinem Heimatstrand aus ?

.

Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll


Read Full Post »

Weltfrauentag – einst und jetzt

.

Heute war ich in einer der größten lettischen Ladenketten einkaufen.

Den Einkaufskorb hatte ich sehr bald voller Blumen – Rosen und Nelken.

Und fast jeder kaufte an diesem Tag mindestens einen Strauß Blumen !

Die meisten der Käufer waren dabei auffälligerweise ethnische Russen.

.

Warum bestand aber gerade heute ein so übergroßes Interesse an Blumen ?

Feiern ausgerechnet heute so viele Leute Geburtstag oder Namenstag ?!

Nein – die Antwort ist natürlich eine andere: Heute ist Weltfrauentag !!!

.

In der Wikipedia steht, daß der „kurz Internationaler Frauentag oder

Weltfrauentag genannte Tag der Vereinten „für die Rechte der Frau und

den Weltfrieden‘ “ weltweit jeweils am 8. März von Frauenorganisationen

begangen wird. „Er entstand in der Zeit um den Ersten Weltkrieg im Kampf

um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen.“

.

Formal gesehen war auch die Sowjetunion ein Erbe dieser hehren Ideale,

und bei aller Unterdrückung und der fast ständigen Gewalt gegen Frauen

wurde der Frauentag hier allgemein hochgehalten. Typische Verlogenheit !

.

Irgendwie paßte das aber sehr gut zu den alten lettischen Traditionen,

nach denen zu jedem Anlaß – sei es nun ein romantisches Stelldichein,

ein Geburtstag oder Namenstag, Abitur, Taufe, Konfirmation oder auch

„einfach nur so“ – Blumen geschenkt werden.

.

Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, daß der Frauentag ein Tag war,

an dem einem ungeschriebenen Ritual gemäß Männer ihren Frauen,

Töchtern, Müttern und Kolleginnen gratulierten und etwas schenkten –

meistens eine Blume sowie Schokolade als Pralinen oder in Tafelform.

Auch meine Mutter, Oma, Schwester und ich freuten uns immer sehr,

von Vater wieder Blumen und Schokolade geschenkt zu bekommen.

Der Tag hatte eine besondere Bedeutung in unserem Festkalender !

.

Da es aber in sowjetischer Zeit im Frühjahr nur wenige Blumensorten gab,

wurden meistens große rote Tulpen verschenkt – und selbst die wurden rar !

Viele Letten haben damals Blumen in privaten Gewächshäusern angebaut

und dann im Auto oder mit der Bahn nach Leningrad gebracht und verkauft

– und damit gutes Geld verdient ! Man mußte es nur irgendwie fertigbringen,

daß die Blumen genau zu diesem Tag aufblühten…

.

Von der ursprünglichen Bedeutung des Weltfrauentages ist heute wenig übrig.

Er bietet den Männern eine Gelegenheit, zu allen möglichen Frauen charmant

zu sein, ohne daß es besonders auffallen würde. Sonst kommt das selten vor !

Man spürt noch oft den alten sowjetischen Machismo und seine Verkleidung…

.

Andererseits lieben die Frauen den Weltfrauentag aber ohne Einschränkung !

Wenn es in einem Betrieb wirklich nur Frauen und keinen einzigen Mann gibt,

dann gratulieren sich die Frauen wechselseitig – und essen gemeinsam Torte !

.

Natürlich gibt es auch noch den Muttertag Anfang Mai, aber der gilt nur den

Müttern – als allgemeine Danksagung der Kinder an ihre Mutter. Heutzutage,

wo immer weniger Frauen Kinder bekommen, ist das noch weniger ein Ersatz.

Und es ist doch eigentlich schon so ein Grund zu feiern, daß man Frau ist !!!

.

Die vielleicht größte Freunde haben an diesem Tag aber die Blumenhändler –

ihre Umsätze erreichen Höhen wie sonst nie ! Und es lohnt sich wirklich,

am Frauentag zum Rigaer Zentralmarkt zu gehen und die vielen herrlichen

Blumen zu sehen, die in allen Farben und Formen das Auge verzaubern !!!

Und dann noch all die gut gelaunten Männer und Frauen, die da einkaufen…

.

An normalen Tagen werden mehr Blumenkränze für Beerdigungen verkauft

als Blumen, die einem lebenden Menschen Freude bereiten sollen – leider !

Der heutige  8. März war dann aber schon fast wieder ein „normaler“ Markttag –

es blieben nur ein paar Tulpen und Nelken vom einst riesigen Angebot übrig.

.

Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll

.

Read Full Post »

Mehr Fotos unter:

http://fotki.lv/lv/noskumusi/679519/
.

.

Letten lieben Moosbeeren !

.

Eine der Beerensorten, die Letten besonders gerne mögen,

die aber in Deutschland fast unbekannt ist, ist die Moosbeere.

.

Moosbeeren haben einen ganz besonderen, bitteren Geschmack.

Der kommt vom hohen Anteil an Vitamin C  und anderen Säuren.

Aufgrund ihrer Inhaltsstoffe werden Moosbeeren traditionell als

eine Art Medizin betrachtet, die gegen Krebs u.a.m. helfen soll.

Das ist sicher alles andere als erwiesen – Tatsache ist es aber,

daß sie ausgezeichnet schmecken !

.

Die Moosbeere wächst bevorzugt, wie ja schon die Name sagt,

in Moorgebieten. Der hochdeutsche Name „Moosbeere“ basiert

dabei an der, wie ich erfahre, eher süddeutschen Benennung

„Moos“ für „Moor“. Moore sind auf der Nordhalbkugel bis etwa 71°

nördlicher Breite zu finden, besonders häufig aber im Baltikum,

in Skandinavien,  im nördlichen Rußland sowie in Japan. Verwandte

Formen gibt es auch in Nordamerika, wo die sog. „Cranberry“ gar

industriell genutzt und dann auch nach Europa exportiert wird.

In Deutschland ist die Moosbeere dagegen viel seltener.

.

Auf Lettisch heißt sie „dzērvene“. „Dzērvene“ kommt vom Wort

„dzērve“ – Kranich. Wahrscheinlich rührt dieser Name daher,

daß Kraniche gerne in Mooren leben und diese Beeren fressen.

Interessant ist, daß auch auf Niederdeutsch diese Beerenart z.T.

Kraanbeere, Kranbeere oder auch Krammbeer/n genannt wird –

was sich ebenfalls auf den Kranich bezieht. Vielleicht haben wir

Letten hier aus dem Deutschen übersetzt ?!  Das kommt oft vor.

.

Moosbeeren werden in Lettland sozusagen für alles verwendet:

zur Herstellung von Getränken, als Obst für Kuchenauflagen,

als Einlage in Joghurts, ja selbst in Schokolade (Lettland hat da

viele nationale Rezepte, die die Industrie sonst verschmäht).

Wir Letten essen sie auch gerne ohne alles andere roh und pur.

Ein deutscher Freund meinte aber nach einem ersten Versuch,

daran müsse man sozusagen von der Kindheit an gewöhnt sein –

ein normaler Mensch könne sie wohl nur als Zutat verwenden.

Fast jeder Lette hat welche in seinem Kühlschrank eingefroren

– auch in meinem Kühlschrank sind immer welche zu finden !

.

Neben der Wildform gibt es auch kultivierte große Moosbeeren,

die aber deutlich anders als ihre wilden Verwandten schmecken.

Manche Menschen versuchen daher, in ihrem Garten aus dem

Moor mitgebrachte Beeren anzupflanzen – nicht immer mit Erfolg.

Andere, die gar nicht selber sammeln, kaufen von den Sammlern.

Und für die gesammelten Moosbeeren sollen in Lettland die Preise

im Schnitt höher sein als irgendwo sonst in Europa. Erstaunlich !

.

Sobald der Herbst da ist, ziehen die Letten in den Wald, um dort

Pilze und Beeren zu sammeln – und mit allergrößter Leidenschaft

ins Moor, denn hier warten garantiert die Moosbeeren auf sie !

Diese alte Tradition ist bis heute ungebrochen: Auch die großen

lettischen Weltnetz-Portale schmücken ihre Seiten über und über

mit Moosbeeren, sobald die Saisaon angebrochen ist !

.

Die Letten haben zumeist keine Angst, sich im Moor zu bewegen –

auch wenn es naß ist und der Boden unter den Füßen schwankt.

Wahrscheinlich erinnern sie sich an Erfahrungen ihrer Kindheit,

denn die Kenntnisse über das Moor werden von einer Generation

auf die andere weitergegeben – die Letten sind ein Volk des Moors.

.

In sowjetischen Zeiten hat man auch das Sammeln reglementiert:

So wurden Jahr für Jahr irgendwelche Termine bekanntgegeben,

ab denen man ins Moos gehen durfte. Offiziell sollte so die Ernte

von zu jungen Beeren verhindert und ein optimaler Ernteertrag

gesichert werden. Wahrscheinlich war es aber eine reine Schikane.

Wenn dann der langerwartete Tag gekommen war , strömten ganze

Busladungen von Menschen in siedlungsnahe Moore und richteten

durch ihren konzentrierten Auftritt leider erhebliche Schäden an.

Deshalb hat man nach einigen Jahren dieses Verfahren auf- und

die Zeit des Beerensammelns wieder freigegeben – immerhin !

.

Eine der typischen Erinnerungen aus meiner Kindheit ist es,

mit den Eltern ins Moor zu gehen und Beeren zu sammeln.

Natürlich habe ich als Kind nicht genügend Geduld gehabt,

um den ganzen Tag im Moor zu sein und fleißig zu sammeln.

Hinzu kam, daß meine kindliche Nase die im Moor oftmals

herrschenden, eher üblen Gerüche nicht ertragen konnte…

.

Nach vielen Jahren Pause bin ich aber im  letzten Herbst doch

wieder in Moor gegangen. Ich wählte ein kleines Moor unweit

der estnische Grenze, denn es sah so aus, als würde niemand

diesen Platz kennen.  Tatsächlich wuchsen hier viele Moosbeeren

– dicht an dicht. Der Boden war glücklicherweise ziemlich trocken,

und überdies schien die Sonne den ganzen Tag, was hier im Norden

nicht immer selbstverständlich ist. So verbrachte ich einen langen

Tag im Moor – bei herrlicher Waldluft und warmer Herbstsonne,

und bis zum Abend hatte ich fast 13 Liter Beeren gesammelt !

Die füllen jetzt meinen Kühlschrank und locken in die Küche…

.

.

Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll

.

Read Full Post »

Older Posts »