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Archive for the ‘Latvia’ Category

Letzte Woche habe ich eine Frau besucht, die bis jetzt in Lemsal arbeitete
und auf dem Lande, im typisch lettischen Einzelhof „Malzemnieki“, wohnte.
Leider ist auch sie jetzt arbeitslos geworden, in den Zeiten dieser „Krise“ –
und auf der Suche nach einer neuen Arbeit. Die meisten Arbeitssuchenden
verlassen ja das Land, gehen nach Riga – oder wandern gleich ins Ausland.
Für sie aber kommt ein Umzug nicht in Betracht. Das Haus ist ihr persönlich
sehr wichtig: Hier lebten ursprünglich alle ihre Vorfahren – auch ihre Mutter,
bevor sie nach Sibirien deportiert wurde.

„Malzemnieki“ liegt zwischen Pale und Allendorf (Aloja), im Norden Lettlands,
nicht weit entfernt von der estnischen Grenze. Hier in der Umgebung gibt es
viele verlassene und verfallene Häuser, und deshalb finde ich es großartig,
daß es Menschen gibt, die ihre Häuser nicht verlassen und sie erhalten wollen
– damit die lettische Einzelhoftradition auch noch in die Zukunft besteht !

Irena – so heißt die Frau – hat mit ihrem Sohn das Haus liebevoll gepflegt –
und auch einen schönen Garten eingerichtet. Aber dort herrscht jetzt Krieg !
Nein, diesmal kein Ausrottungskrieg der Bolschewisten gegen das lettische Volk,
sondern Irenas Krieg gegen eine schon in Sowjetzeiten eingeschleppte Pflanze:
den Riesen-Bärenklau, den wir auf Lettisch kurioserweise „Latvani“ nennen…
Fast jeder Morgen beginnt für Irena mit der Bekämpfung dieser Pflanzen-Pest.
Dieser Bärenklau ist ein großwachsende Pflanze, deren Saft bei jeder Berührung
und oft auch schon beim Darunterhinweggehen oft schwerste Verbrennungen
verursacht, sobald die Sonne leicht auf die betreffenden Hautpartien scheint.
Der Kampf gegen diese Pflanze ist äußerst schwer und erscheint fast unendlich.
Um an europäische Fördergelder zu kommen, müßte das Verbreitungsareal fünf
Hektar umfassen – was es an vielen Stellen in Lettland tut, ohne daß dagegen
eingeschritten würde. Irenas Gebiet ist „leider“ kleiner, aber die Pflanze ist hier
genauso bösartig wie sonst und will der jahrelangen Bekämpfung nicht weichen.
Aber Irena glaubt fest an ihren Erfolg !

Gemeinsam mit Irena fuhr ich zum Friedhof von Allendorf. Hier wird nun bald
das „kapusvetki“, ein lettisches Friedhofsfest (bzw. Gräberfest), stattfinden.
Für uns Letten ist das eine wichtige Tradition, denn dann kommen die Familien
zusammen, um die Gräber ihrer Vorfahren zu besuchen und sich zu erinnern.
Irena pflanzte einige schöne Blumen – und schon begann ein heftiges Gewitter.
Ohne unsere Arbeit wirklich beenden zu können, mußten wir zum Wagen und
fahren. Unterwegs nach Hause konnten wir zum Ausgleich dafür noch etliche
herrliche Naturschauspiele bewundern – so wie dieses hier:

Eine kurze Regenpause erlaubte uns, beim verlassenen Hof „Varnas“ zu halten.
Das früher sehr schöne Haus mit einer großen Wirtschaft ist heute verfallen,
der Garten ist überwuchert, und einen Stromanschluß gibt es schon lange nicht.
Wer wird den Mut haben, das Haus zu kaufen und mit neuem Leben zu füllen ?!
Hoffnung macht Irenas Bericht: Als sie in ihr Elternhaus Malzemnieki zurückkam,
sah alles zunächst genauso aus wie hier. Was für ein unglaublicher Wandel !!!
Es ist also möglich, solche Häuser dem Tod zu entreißen – mit Irenas Energie.
Hoffen wir, daß es noch viele Irenas bei uns in Lettland und überall sonst gibt !

Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll

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Lielā talka oder Der Große Einsatz

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Am letzten Samstag im April – das ist in diesem Jahr der 24. – findet

in Lettland die „Lielā Talka“ statt – bzw. „Der Große Arbeitseinsatz“.

„Talka“ ist ein Wort, das nur schwer zu übersetzen ist. Es bedeutet,

daß Nachbarn, Verwandte oder auch Freunde zusammenkommen,

um eine größere Arbeit gemeinsam zu bewältigen. Wenn z.B. ein

großes Kartoffelfeld an einen einzigen Tag abgeerntet werden muß,

ruft man seine Umgebung zu einer „Talka“ zusammen.

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Zur sowjetischen Zeit gab es eine kommunistische „Talka“ . Diese

fand immer am 22. April jedes Jahres statt. Fur Schüler und alle

Arten von „Kollektiven“ war es damals Pflicht, daran teilzunehmen.

Meistens war an solch einem Tag eine bedeutende Stadt zu reinigen,

ein vom Staat geschätzter Park zu entbuschen oder etwas ähnliches.

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Nun ist diese Tradition ist wieder lebendig geworden, aber unter

einem anderen Vorzeichen: Den Menschen wird bewußt gemacht,

daß sie für ein saubereres, schöneres Lettland arbeiten müssen –

und dafür ist jedes Jahr wieder eine Menge zu tun !

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Die anfallenden Aufgaben sind seit Sowjetzeiten dieselben geblieben:

Den vielen achtlos weggeworfenen Müll aus der Landschaft sammeln

(ein nächster Schritt wäre, den Menschen beizubringen, keinen Müll

in die Natur zu werfen), Parks zu säubern usw.

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Geboren wurde die Idee der Großen Talka 2008 zur 90-Jahr-Feier der

Unabhängigkeit Lettlands. In zehn Jahren, d.h. bis zur 100-Jahr-Feier,

möchte man Lettland und die Länder des östlichen Ostseeraums zur

„saubersten Region der Welt“ gemacht haben. Nicht nur die Letten sind

aktiv: Auch unsere baltischen Nachbarn und die Region St. Petersburg !

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In Lettland ist diese neue Tradition sehr schnell richtig beliebt geworden:

Fast in jeder größeren und kleineren Stadt, und in praktisch jedem Dorf

finden solche Arbeitseinsätze statt – rund 1.000 Arbeitseinsätze sind bei

den staatlichen Behörden gemeldet !  Und wirklich alle machen dabei mit:

Unternehmen, Schulen und Universitäten, die Armee und alle Behörden –

und sogar der Präsident Lettlands als Schirmherr legt selbst Hand an !

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Wenn jemand lieber alleine arbeiten will, geht das aber auch. Er kann

dann zum nächsten Supermarkt oder in eine lokale Behörde gehen,

dort einen Müllsack bekommen und sich auf Wunsch auch eine konkrete

Aufgabe zuweisen lassen. Den Müll kann er nachher kostenlos abgeben.

Talka-Zeit ist dabei genau von 9 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags !

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Mehr über die „Liela talka“ findet man – auch auf Russisch und Englisch ! –

auf der Internetseite www.talkas.lv

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Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll
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Heute will ich Euch von der Blauen Kuh aus Kandau (lett.: Kandava),

einer Stadt in Kurland erzählen, der ich letzten Sommer begegnet bin.

Wie sie heißt, weiß ich nicht – aber sie hat ganz bestimmt einen Namen,

weil lettische Kühe immer einen Namen tragen. Aber meine Kuh ist

darüberhinaus eine ganz besondere Kuh – und zwar eine blaue Kuh!

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Kein Scherz: Kühe dieser Rasse tragen tatsächlich ein blaues Fell !!!

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Die Lettische Blaue Kuh ist eine sehr seltene Rasse, die vor kurzem

sogar noch vom Aussterben bedroht war.  Im lettischen Zuchtbuch

kann man heute wieder 89 Kühe dieser Sorte finden. Vor zehn Jahren

unterstützte die UNO die Erhaltung der Rasse, und seitdem beginnt

die Zahl der Blauen Kühe langsam wieder zu wachsen.

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Unsere Wissenschafler denken, daß die Rasse aus Kurland stammt.

Das ist der Zipfel Lettlands, der im Westen weit in die Ostsee ragt.

Hier gehörten sie den letzten Nachfahren der Liven, eines kleinen

finno-ugrischen Volkes. Die finnischen Völker hatte eigene Rassen

an Haustieren, die sich von denen der Europäer klar unterschieden.

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In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts lebten Blaue Kühe auch

im lettischen Teil Livlands (Vidzeme), in der Umgebung von Wenden

(lett.: Cesis) und Wolmar (lett.: Valmiera). Auch hier siedelten früher

Liven, die inzwischen ganz mit den Letten verschmolzen sind.

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Die Blaue Kuh ist ein genügsames Tier, braucht nicht viel Futter –

für sie reichen die Pflanzen, die wild am Ostseestrand wachsen –

und übersteht selbst schlechtestes Wetter ohne jedes Problem.

Sogar im Winter kann man sie im Freien halten: Sie bleibt gesund !

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In der sowjetischen Zeit waren diese Tiere fast ausgestorben.

Die landwirtschaftlichen Großbetriebe sollten in ihrer „Leistung“

„ergiebigere“ Rassen halten, was natürlich falsch gedacht war –

schließlich müssen diese Hochleistungsrassen intensiv betreut

und dazu gefüttert werden, was bei der Blauen gar nicht nötig ist.

So ließen die sowjetischen Funktionäre die Rasse aussterben oder

mit anderen Rassen verkreuzen – bald war sie fast ganz erloschen !

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Aber meinen Blauen Kuh aus Kandau geht’s wirklich gut. Sie weidet

zusammen mit Verwandten aus der zweiten lettischen Rinderrasse

– der Brauen Lettischen Kuh – auf der Weide und ist ganz sicher stolz,

so einzigartig zu sein.

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Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll

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P.S.: Wer sich in Deutschland für baltische Haustierrrassen interessiert,

kann sich am besten an Dr. Thomas W. Wyrwoll in Frankfurt/M. wenden

– der ist Fachmann und hilft uns, die schönen alten Rassen zu erhalten !

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Das zur Zeit in Lettland mit Abstand angesagteste Getränk ist – Birkensaft !

Die Menschen gehen in den Wald, machen Löcher in die Rinde der Birken

und gewinnen aus diesen ein überaus leckeres, süßlich-wäßriges Getränk.

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In meiner Kindheit ist mein Vater immer mit mir in den Wald gegangen,

um Birkensaft zu ernten. Mit einem Bohrer bohrte er ein Loch in den Baum,

in das er einen kleinen Stab steckte. Unter diesen Stab stellte er einen Eimer,

oft auch eine Milchkanne, in die der Birkensaft lief.  Über die kleine Anlage

legte er Tannenäste, um sie zu verstecken und Regenwasser fernzuhalten.

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Wer in Lettland keinen eigenen Wald besitzt, bekommt seinen Birkensaft

meist von Nachbarn oder Verwandten geschenkt, oder er geht zum Markt.

Manche Cafes bieten diesen Saft im Frühling standardmäßig an – ähnlich

wie frischgepreßten Apfel- oder Orangensaft.

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Ab besten trinkt man Birkensaft möglichst frisch, denn mit jeder Stunde

verliert er einen Teil seines Wertes, den seine Inhaltsstoffe bedingen,

wie Mineralien, Fermente, Naturzucker usw. Ich selbst trinke am liebsten

ganz frischen Birkensaft, denn schon am Folgetag schmeckt er bitterer.

Manche Leute füllen dagegen Birkensaft in Flaschen ab, geben ein paar

Rosinen und ein bißchen Zucker dazu und bewahren diese Zubereitung

in kalten Räumen auf. Sie meinen, daß das Getränk in ein paar Monaten

– z. B. zum bei uns wichtigen Johannestag (die Letten nennen ihn Jani)

– wie Sekt schmeckt.

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Na dann: Auf in den Wald und guten Appetit !
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Ein Nachtrag: Am Samstag war ich unterwegs nach Segewold (lett.: Sigulda),
und dabei boten sich mir fast direkt hinter der Kremon-Kirche (lett.: Krimulda)
diese Bilder: Kinder verkauften frischen Birkensaft von den eigenen Birken !
Wie man sehen kann, haben die Kinder sowohl fleißig im Wald gearbeitet als
auch bestens für Werbung gesorgt ! Meine Mitfahrerin hat gleich fünf Liter des
köstlichen Safts gekauft. Auf dem Rückweg sahen wir dann den Papa der Kinder
an ihrem Stand sitzen. In diesem Fall sollte aber nicht (wie so oft bei uns nötig)
das karge Familieneinkommen aufgebessert werden, sondern das Taschengeld.
Wahrscheinlich genossen die kleinen Verkaufer ihr Mittagessen oder eine sicher
wohlverdiente Verschnaufpause. Ihr Birkensaft ist einfach köstlich !!!


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Anmerkung des Übersetzers: Es trägt sehr zur Schonung des Baumes bei,

wenn man nur einzelne Zweige an der Spitze anschneidet und an ihnen

eine den Ast nach unten neigende Flasche befestigt. Anstelle des Haupt-

stammes kann man auch einige der Seitenäste in Stammnähe anbohren.

Früher regelten bei vielen Völkern Rituale diese Schonung der Bäume.

Die Safterntezeit liegt zwischen dem Ende des Frosts und dem Beginn

des Sprießens der Blätter – nachher schmeckt Birkensaft äußerst bitter !

Auch ich kann mich Ingridas geschmacklicher Meinung nur anschließen:

Birkensaft schmeckt mir frisch mit Abstand am besten !!! Freilich kann man

ihn auch vergären lassen – der danach bittere Geschmack ist allerdings

sehr gewöhnungsbedürftig. Ein solches Getränk fand ich unlängst sogar

auf eine moderne Plastikflasche verfüllt in einem lettischen Supermarkt.

Mit Zucker eingekocht kann man Birkensaft zu „Birkenwein“ verarbeiten,

aus dem man unter Hefezugabe o.ä. sogar „Birkenchampagner“ herstellt.

Gereinigt, leicht gezuckert und pasteurisiert wurde trinkbarer Birkensaft

noch zu Sowjetzeiten industriell in Flaschen und Gläser gefüllt verkauft –

mit dem „Kapitalismus“ verschwanden leider viele gute Lebensmittel !

T.W.

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Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll

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Fotos unter :

http://fotki.lv/lv/noskumusi/729598/

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Die Störche sind zurück !

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Am 28. März war ich unterwegs nach Riga. Ich fuhr meine gewohnte Strecke

von Lemsal (Limbazi) nach Riga über Ragana, wo ich drei Storchennester sah

– zwei davon auf Strommasten – , die noch noch zwei Tage vorher leer waren.

Auf ihnen trotzte nun aber wieder jeweils ein Storch dem nassen Spätwinter !

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Diese Störche sind Weißstörche, die aus ihrem Winterquartier im Südlichen oder

Östlichen Afrika über Palästina und Kleinasien nach Europa zurückgekeht sind –

was grob gerechnet 10.000 Kilometer ausmacht !  Sie wissen offenbar genau,

wann bei uns der Frühling beginnt: Noch vor paar Tagen war es in Lettland kalt,

und überall lag noch Schnee, aber genau jetzt begann die Sonne zu scheinen,

und der Schnee ist in wenigen Tagen fast weggeschmolzen !

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Die Einwohner der Lettlands mögen Störche und sind stolz, daß diese Vögel hier

überall anzutreffen ist. Wobei hier genauer gesagt vom Weißstorch die Rede ist:

Versteckt in den Wäldern weitab vom Menschen lebt auch der Schwarzstorch,

den man allerdings kaum zu Gesicht bekommt; über ihn weiß man noch wenig.

Viel besser erforscht ist unser Weißstorch. Vor ein paar Jahren führten lettische

Ornithologen eine öffentlichkeitswirksame Aktion durch, bei der jeweils einem

männlichen und einem weiblichen Storch ein Sender mitgegeben wurde. Über

diese Sender konnte die Öffentlichkeit den Weg der beiden Störche verfolgen –

wobei sie sich allerdings in Afrika so tief in die Büsche zurückzogen hatten,

daß sie von den Forschern nicht mehr über Satellit geortet werden konnten.

Auch die Weißstörche brauchen also zumindest saisonal ihre Privatsphäre !

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Obwohl die Letten den Storch für ihren typischsten heimischen Vogel halten,

so ist er doch ein Neuling in Lettland. Er wurde hier erst im 18. Jahrhundert

heimisch, als man ihn das erste Mal regelmäßig in Kurland antreffen konnte.

Ab dem 19. Jahrhundert lebten Störche auch in Livland und sind hier seither

regelmäßig anzutreffen. In der lettische Folklore wird der Storch daher auch

fast nie erwähnt – die alten Letten kannten diesen Vogel offensichtlich nicht.

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Aber jetzt ist der Storch überall präsent. In Lettland leben nach Zählungen

etwa 10.000 Störche. Ihre Nester sind für jedermann deutlich sichtbar:

Man findet sie auf Hof- oder Kirchendächern, speziellen Ständern für Nester

– und sehr oft auch auf Strommasten, die die Störche zu lieben scheinen !

Wenn die Felder bestellt werden, finden sich oft an die 50 Störche ein,

die dann gemeinsam nach Nahrung suchen – ein herrlicher Anblick !!!

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Wenn ein Storch auf einemn Bauernhof lebt, gilt er fast als ein Mitglied

der Familie – schließlich sieht doch die ganze Zeit, was auf dem Hof los ist.

Jahr für Jahr kehrt der Storch an denselben Platz wie im Vorjahr zurück,

und mit jeden Jahr wird sein Nest dabei durch Zubau größer und schwerer

– so daß schon manches Hofdach auf diese Weise zusammengebrochen ist.

Die Menschen verfolgen oft sehr genau das Familienleben ihrer Störche –

ihre Balz, die Brut und die Nahrungssuche, das Aufwachsen der Jungstörche

und schließlich im Herbst ihren Zug nach Süden. Oft möchte man fragen,

was umgekehrt wohl dieser große Vogel auf unserem Dach über uns denkt

– aber das wird wohl für immer das Geheimnis unseres Hausgastes bleiben.

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Dabei ist nicht nur der Storch Unter- – oder sollte man besser sagen „Über-“

– -mieter des Menschen, nein: Öfters hat er in seinem Nest selbst Untermieter:

kleinere Vögel, die zwischen den Ästen im Nest“unterbau“ ihr Zuhause finden.

Ob unser Storch an deren Leben soviel Anteil nimmt wie wir an seinem ?

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Fur mich zeigt der Storch, wie wunderbar Gott diese Welt geschaffen hat:

Wie findet solch ein Vogel den weiten Weg von Afrika bis zu uns zurück ?

Und wie findet er sein altes Nest ?  Wie weiß er, daß die Zeit gekommen ist,

nach Lettland zurückzufliegen, weil bei uns der Frühling beginnen wird ?!

Gerade in diesem Jahr wurden wir Menschen von den Wetterkapriolen

ständig überrascht, und der Frühling kam für die meisten unerwartet –

nicht aber für Meister Adebar !

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Unser Storch ist ein besonderer Vogel, und es war mir eine tiefe Freude,

ihn als einer der ersten Menschen wieder in Lettland begrüßen zu können.

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Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll
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Foto: http://www.ornitofaunistika.com/lvp/lvp_ciccic.ht

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Fotos:

http://fotki.lv/lv/noskumusi/396313/

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Der Steinstrand von Livland
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Die livische Küste !  Hier ist die Natur noch so, wie sie sein sollte:

vom Menschen unberührt, aber zugleich ständig in Bewegung,

beeinflußt von Wind, Sonne und Meer.

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Jedes Mal, wenn man hier her kommt, sieht die Strand anders aus.

Es scheint fast, als bewegten sich die uralten Steine von selbst.

Bäume verlieren den Halt, die Erde um ihre Wurzeln wird von der

Ostsee weggespült, deren Wasser oft dicht an die steile Küste reicht.

Menschen dürfen in dieses äonenalten Vergehen nicht eingreifen –

die gesamte Küste steht unter Naturschutz.
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Man nennt diese einsame Gegend, die sich entlang der Küste

über etwa 100 Kilometer von Riga bis zur estnischen Grenze

erstreckt, den „Steinstrand von Livland“ (bzw. von Vidzeme),

oder auf Lettisch „Vidzemes akmeņainā jūrmala“.

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Hier gibt es kaum Menschen, man kann alleine spazieren gehen

oder zusammen mit guten Freunden tiefe Gespräche führen –

oder einfach schweigen und dabei weiter und weiter gehen…

Noch bis zu diesem Baum, nur bis zu diesen Stein dort drüben –

und so merkt man nicht, welch lange Strecke man zurücklegt.

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An diesem weiten Steinstrand ist es zu jeder Jahreszeit schön:

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Im Winter herrschen hier Eis und Kälte, man sieht kein Leben.

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Im Frühling blühen kleine Leberblümchen, und kurz vor dem

Johannistag – die Letten nennen ihn „Jani“ oder „Ligo“ und feiern

an ihm das alte Fest des Nordens, die Sommersonnenwende –

kann man hier traditionelle Heilpflanzen für den Tee pflücken

oder Walderdbeeren sammeln.

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Ein besonderes Erlebnis ist es, die Sommertage hier zu verbringen.

Der Sommer ist in Lettland sehr kurz – er ist die Zeit der Wärme,

auf die man den ganzen Herbst, Winter und Frühling über wartet.

Selbst im Sommer wird das Wasser der Ostsee nur langsam warm,

und manchmal oder eigentlich, je nach Perspektive, auch nie ganz.

Aber wenn dann endlich der Sommer wirklich zurückgekommen ist,

wenn die Sonne scheint und das Wasser sich etwas aufgewärmt hat,

dann ist es einfach ein Genuß, hier zu sein…

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Hier kann man ganz für sich allein sein, von niemandem gestört.

Hier kann man auf dem warmen Sand oder heißen Steinen liegen,

in der Sonne baden, dem Wind zuhören, und mit ein bißchen Mut

schwimmen gehen und so ganz mit der Natur verschmelzen…

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Im Herbst finden sich hier besonders schöne Vogelbeerbäume,

voll roter Beeren, die verraten, daß der Winter bald wiederkommt.

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Der Steinstrand von Livland ist bei Fotografen ein beliebter Ort.

Hier findet man viele schöne Motive, und wenn man Glück hat,

kann man sogar mit einem der letzten noch hier lebenden Fischer

aufs Meer fahren und den Strand von der Seeseite aus genießen.

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Auch ich fahre öfters an diesen mir lange vertrauten Steinstrand,

meistens mit der Kamera, manchmal mit jemandem zusammen,

um mit mit ihm dieses schöne Erlebnis in der Einsamkeit zu teilen.

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Wenn ich es längere Zeit nicht geschafft habe, hierher zu kommen,

frage ich mich oft: Wie sieht es nun an meinem Heimatstrand aus ?

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Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll


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Weltfrauentag – einst und jetzt

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Heute war ich in einer der größten lettischen Ladenketten einkaufen.

Den Einkaufskorb hatte ich sehr bald voller Blumen – Rosen und Nelken.

Und fast jeder kaufte an diesem Tag mindestens einen Strauß Blumen !

Die meisten der Käufer waren dabei auffälligerweise ethnische Russen.

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Warum bestand aber gerade heute ein so übergroßes Interesse an Blumen ?

Feiern ausgerechnet heute so viele Leute Geburtstag oder Namenstag ?!

Nein – die Antwort ist natürlich eine andere: Heute ist Weltfrauentag !!!

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In der Wikipedia steht, daß der „kurz Internationaler Frauentag oder

Weltfrauentag genannte Tag der Vereinten „für die Rechte der Frau und

den Weltfrieden‘ “ weltweit jeweils am 8. März von Frauenorganisationen

begangen wird. „Er entstand in der Zeit um den Ersten Weltkrieg im Kampf

um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen.“

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Formal gesehen war auch die Sowjetunion ein Erbe dieser hehren Ideale,

und bei aller Unterdrückung und der fast ständigen Gewalt gegen Frauen

wurde der Frauentag hier allgemein hochgehalten. Typische Verlogenheit !

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Irgendwie paßte das aber sehr gut zu den alten lettischen Traditionen,

nach denen zu jedem Anlaß – sei es nun ein romantisches Stelldichein,

ein Geburtstag oder Namenstag, Abitur, Taufe, Konfirmation oder auch

„einfach nur so“ – Blumen geschenkt werden.

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Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, daß der Frauentag ein Tag war,

an dem einem ungeschriebenen Ritual gemäß Männer ihren Frauen,

Töchtern, Müttern und Kolleginnen gratulierten und etwas schenkten –

meistens eine Blume sowie Schokolade als Pralinen oder in Tafelform.

Auch meine Mutter, Oma, Schwester und ich freuten uns immer sehr,

von Vater wieder Blumen und Schokolade geschenkt zu bekommen.

Der Tag hatte eine besondere Bedeutung in unserem Festkalender !

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Da es aber in sowjetischer Zeit im Frühjahr nur wenige Blumensorten gab,

wurden meistens große rote Tulpen verschenkt – und selbst die wurden rar !

Viele Letten haben damals Blumen in privaten Gewächshäusern angebaut

und dann im Auto oder mit der Bahn nach Leningrad gebracht und verkauft

– und damit gutes Geld verdient ! Man mußte es nur irgendwie fertigbringen,

daß die Blumen genau zu diesem Tag aufblühten…

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Von der ursprünglichen Bedeutung des Weltfrauentages ist heute wenig übrig.

Er bietet den Männern eine Gelegenheit, zu allen möglichen Frauen charmant

zu sein, ohne daß es besonders auffallen würde. Sonst kommt das selten vor !

Man spürt noch oft den alten sowjetischen Machismo und seine Verkleidung…

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Andererseits lieben die Frauen den Weltfrauentag aber ohne Einschränkung !

Wenn es in einem Betrieb wirklich nur Frauen und keinen einzigen Mann gibt,

dann gratulieren sich die Frauen wechselseitig – und essen gemeinsam Torte !

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Natürlich gibt es auch noch den Muttertag Anfang Mai, aber der gilt nur den

Müttern – als allgemeine Danksagung der Kinder an ihre Mutter. Heutzutage,

wo immer weniger Frauen Kinder bekommen, ist das noch weniger ein Ersatz.

Und es ist doch eigentlich schon so ein Grund zu feiern, daß man Frau ist !!!

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Die vielleicht größte Freunde haben an diesem Tag aber die Blumenhändler –

ihre Umsätze erreichen Höhen wie sonst nie ! Und es lohnt sich wirklich,

am Frauentag zum Rigaer Zentralmarkt zu gehen und die vielen herrlichen

Blumen zu sehen, die in allen Farben und Formen das Auge verzaubern !!!

Und dann noch all die gut gelaunten Männer und Frauen, die da einkaufen…

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An normalen Tagen werden mehr Blumenkränze für Beerdigungen verkauft

als Blumen, die einem lebenden Menschen Freude bereiten sollen – leider !

Der heutige  8. März war dann aber schon fast wieder ein „normaler“ Markttag –

es blieben nur ein paar Tulpen und Nelken vom einst riesigen Angebot übrig.

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Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll

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