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Archive for Oktober 2011

TEXT Ingrīda Briede, Ubersetzung Johannes Baumann, Fotos: http://fotki.lv/lv/noskumusi/573984/

Es gibt einen Ort in unserem Nachbarland Estland, zu dem ich von Zeit zu Zeit hinfahren und dabei auch meine Freunde mitnehmen möchte. Das ist eine ganz eigenartige Welt – diese Dörfer der Altgläubigen Kolkja, Mustve, Kallaste und Raja am estnischen Ufer des Peipus Sees. Von Lettland her ist der Weg nicht allzu weit – etwa 80 km von der Grenzstadt Valka bis nach Tartu und dann noch 40 bis zur Küste des Peipus Sees. Einst stand hier die Kultur der Altgläubigen in voller Blüte, die Menschen lebten hier in einer abgeschlossenen Umgebung, und der Glaube und die Tradition prägten die Leute sehr stark. Nun herrscht auch hier wie überall das Globale, die Traditionen machen sich nicht mehr eindeutig bemerkbar, die Jugend hat sich bei ihrer Arbeitssuche über alle Welt verstreut, aber dennoch ist hier etwas von dem Vergangenen zu bemerken. Die Menschen vor Ort befürchten, dass die Welle der Touristen die letzten verbliebenen Traditionen zerstören könnte, aber vielleicht kommt es dadurch zu etwas ganz anderem und trägt dazu bei, dass die Tradition erhalten bleibt, denn viele Touristen suchen das Ursprüngliche und Echte.
Wenn man zum Peipus See fährt, dann sollte man auf jeden Fall in Tartu Halt machen und dort die Universität und die Antonius Gilde, das Haus der Handwerker, besuchen, einen Spaziergang durch die Altstadt machen und den Domberg besteigen. Die Einwohner der Stadt sind stolz auf ihre St. Johanniskirche in der Mitte der Altstadt. Dort kann man etwas ganz besonderes sehen – Tausend winzige Terrakottaskulpturen aus dem Mittelalter. An anderen Orten in der Welt gibt es vielleicht an einer Stelle 400, aber hier tatsächlich Tausend. Dabei ist es interessant, zu erfahren, dass es noch bis zum Zweiten Weltkrieg nicht bekannt war, dass solche Skulpturen überhaupt existierten, aber während des Krieges wurde durch eine Explosion die Stukkatur niedergerissen und dadurch diese Schätze aus vergangenen Zeiten an das Licht gebracht. In der Kirche kann man auch eine Ausstellung besichtigen und dort befindet sich auch ein kleines christliches Geschäft, und sehr oft finden dort Konzerte statt. Die Domruine steht auf dem Domberg über Tartu seit der Zeit der Reformation. Eins war das Bistum Tartu ein eigenes Bistum. (Über die Livländische Zeit kann man auch viel im Museum der Burg von Turaida erfahren.)

Der Peipussee, Zwiebeln und geräucherter Fisch
Eine neu erbaute Autostraße führt uns von Tartu zur Küste vom Peipus See und zum Dorf Varnja. Dort beginnt ein langer Weg, an dessen Rande viele kleine Häuser im russischen Stil mit ihren Vorgärten stehen. Dieser Weg erstreckt sich mit kurzen Unterbrechungen fast an der ganzen Küste vom Peipus See entlang. Und nun sollte man die Augen sehr weit aufmachen, denn hier gibt es viel zu sehen. Im Frühjahr sind es die Holzfällerarbeiten, später die Arbeiten des Säens und Pflanzens und noch später das Einbringen der Ernte vor allem der Zwiebeln in jedem Hof. Unsere Fremdenführerin im Museum der Altgläubigen Anna berichtet: „Für die Einwohner der Dörfer ist die Arbeit sehr wichtig. Im Frühjahr schauen wir nach, ob die Nachbarn noch draußen sind und im Garten arbeiten., wenn sie das nicht tun, dann ist ihr Leben zu Ende gegangen. Denn alle, die sich noch bewegen können und leben, die arbeiten – die Frauen im Garten und die Männer sind unterwegs zum Fischen.“ In jedem Garten gibt es erhöhte Zwiebelbeete, und eins der Souvenirs, dass man immer von hier vom Peipus See mitnehmen sollte, ist ein prächtiges Gerät zum Sieden der Zwiebeln. Früher haben die Einwohner am Peipus See das ganze Gebiet von Helsinki und Petersburg bis hin nach Riga mit Zwiebeln versorgt. Von der einstigen Weite dieses Gebietes ist heute nur noch ein Viertel übrig geblieben. Ebenso beschäftigen sich die Menschen vor Ort mit der Fischerei. Auch jetzt ist der Peipus See eine beliebte Stelle für das Angeln im Winter und die Hauptsaison für den Tourismus ist hier der Winter, an dem sich die Männer zusammentun, die keine Angst davor haben, die kältesten Tage im Winder auf dem See zu verbringen, viele Kilometer vom Ufer entfernt. Am Peipus See gibt es auch eine Fischkonserven Fabrik, und in dem kleinen Geschäft in Mustve kann man alle Arten von Fischkonserven kaufen.

Kolkja – Geschichte und Kultur der Altgläubigen
Wenn man nach Kolkja kommt, sollte man zuerst das neu erbaute Informationszentrum vom Peipus See besuchen. Hier berichten uns die freundlichen Mitarbeiterinnen, was in der Umgebung sehenswert ist. Im Geschäft kann man verschiedene Souvenirs einkaufen und sich mit einer Tasse Kaffee stärken. Zu den Souvenirs gehören Handarbeiten, selbst hergestellter Zucker und Tee. Die Handarbeiten stammen von den Frauen aus den Dörfern oder werden im großen Saal des Informationszentrums angefertigt. Auf jeden Fall sollte man in Kolkja das Museum der Altgläubigen besuchen. Die gut informierte Fremdenführerin Anna gibt uns Einblick in die Traditionen der Altgläubigen und demonstriert uns, wie die Altgläubigen ihre Gebete singen. Inzwischen bin ich dort mehrfach gewesen, aber jedes Mal erfuhr ich viel Neues. Die Kultur der Altgläubigen ist bewundernswert tief und eigenartig.
Die Bewegung der Altgläubigen entstand um 1654, als der Moskauer Patriarch Nikon eine Revision der Gebet- und Gesangbücher durchführte und damit an die griechisch orthodoxe Kirche näher heranrücken wollte. 1666 trennte sich eine Gruppe von Menschen, die diesen Reformen nicht zustimmen wollte, von der russisch orthodoxen Kirche. Die größten Unterschiede zwischen den orthodoxen und den altgläubigen gibt es in der Liturgie. So bekreuzigen sie sich auf verschiedene Weise, oder in der Osternacht umschreiten sie die Kirche unterschiedlich (die Altgläubigen in Uhrzeigerrichtung und die Orthoxen gegen die Uhrzeigerrichtung). Auch haben sie verschiedene Kreuze. Die Altgläubigen haben keine eigenen Priester, aber die Väterchen aus der Mitte der Dorfbewohner, die das Amt eines Sprechers wahrnehmen Sehr wichtig ist für sie die Beichte. Jeder von ihnen muss einmal im Jahr zur privaten Beichte gehen. Wenn jemand gestorben ist, dann betrachtet man zuerst sein Kirchenbüchlein, ob er während der letzten Jahre gebeichtet hat. Wenn das geschehen ist, dann verläuft das Bestattungsritual in der vollen Länge und der Verschiedene wird mit seinem vollen Namen genannt. Liegen keine Eintragungen vor, dann werden in der Liturgie ganz andere Psalmen gelesen und die Bestattung verläuft anonym, das bedeutet, dass bei der Bestattung der Name des Verstorbenen nicht erwähnt wird. Eigentlich sollte jedes Dorf seinen geistlichen Leiter haben, doch das ist jetzt nur selten der Fall. Daher haben es die Altgläubigen mit der Beichte heute oft leichter. Sie geschieht für alle Männer eines Dorfes gemeinsam, und von ihnen getrennt für alle Frauen. Da wird das Sündenbekenntnis aus einem Buch vorgelesen und darauf bekennen alle gemeinsam ihre Sünden. Für die Altgläubigen ist auch das Fasten sehr wichtig. Dabei verzichten sie auf verschiedene Lebensmittel und auf den Geschlechtsverkehr. Jemand hatte einmal ausgerechnet, dass es im Jahr nur 50 Tage gäbe, an denen die Altgläubigen nicht zu fasten brauchten. Die Kinder werden innerhalb einer Woche nach ihrer Geburt getauft. Dabei muss das Wasser „lebendig“ sein, das heißt es darf nicht der Wasserleitung entnommen werden, sondern muss einem See oder Fluss entnommen sein. Unsere Fremdenführerin Anna erinnert sich daran, dass ihr Brüderlein mit Seewasser getauft wurde, auf dem noch Eisstücke schwammen. Für die Altgläubigen ist die Trauung kein Sakrament. Das junge Paar bat die Eltern um ihren Segen für die Ehe und richtete dann ihre gemeinsame Wohnstätte ein. In späteren Jahren verlangte der Staat die standesamtliche Trauung. Die Altgläubigen achteten sehr streng darauf, dass die Familie ihre Mahlzeiten aus ihrem eigenen Geschirr einnahm und dass man einem Fremden auf keinen Fall ein Getränk in einem Gefäß anbieten dürfte, das die Familie benutzt, sondern dass es für Gäste besondere Gefäße gab. Ebenso musste auch ein Mann aus der Familie, wenn er seine Arbeit irgendwo in der Ferne verrichten musste und dann nach längerer Zeit wieder nach Hause zurückgekehrt war, sich zwei Wochen lang einer Art Quarantäne unterziehen und durfte dann nicht bei den Mahlzeiten die Gefäße der Familie benutzen. Nach zwei Wochen musste er sich in der Sauna gründlich reinigen und durfte danach wieder das Geschirr der Familie benutzen.
Bereits im 16. Jahrhundert suchten die Altgläubigen außerhalb Russlands im heutigen Baltikum nach Möglichkeiten, in ihrer Glaubensfreiheit zu leben. Die größte altgläubige Gemeinde gibt es heute in Daugavpils. An dem Ufer vom Peipus See entstand eine geschlossene Gemeinschaft mit ihren Traditionen. Und dennoch hatten die Altgläubigen auch hier nicht immer ein ruhiges Leben. Im 18. Jahrhundert konnten die Altgläubigen friedlich leben und ihre Traditionen ungestört pflegen, doch etwa 1820 begannen die Verfolgungen. Die Altgläubigen durften nicht mehr eigene Bethäuser erbauen und Gottesdienste halten mit ihren Zeremonien. Es wurden Vorfälle beschrieben, dass man Bethäuser der Altgläubigen zu orthodoxe Kirchen umbaute, den Eltern ihre Kinder wegnahm, diese orthodox taufte und sie an orthodoxe Familien zur Erziehung weiter gab. 1833 wurde es den Altgläubigen wieder erlaubt, Kirchen zu bauen und Gottesdienste zu halten. 1905 trat das Gesetz von der Freiheit des Glaubens in Kraft, und seitdem konnten die Altgläubigen ihre Gemeinden und Organisationen offiziell registrieren lassen.
Die Jahre des freien Baltikums zwischen den beiden Weltkriegen vergingen an der estnischen Küste vom Peipus See friedlich, aber die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten wieder neue Einschränkungen mit sich. Nachdem Estland jetzt wieder seine Freiheit zurück gewonnen hatte, konnten die Altgläubigen im vollen Maße ihr geistliches Leben führen, altgläubige Museen erbauen und in den Schulen den Kindern die Grundlagen des Glaubens vermitteln.
Eine weitere Attraktion in Kolkja ist das Restaurant der Altgläubigen. Hier wird die Möglichkeit angeboten, sich traditionelle Mahlzeiten aus dieser Küstengegend schmecken zu lassen – Fischsuppe, gebackenen Fisch, Zwiebelgerichte, sich bei dem Nachtisch die Piroggen schmecken zu lassen und sich ein Stück Zucker seitlich in den Mund zu stecken und dazu grünen Tee aus dem Samowar zu trinken

Der Friede, wie er nur am Peipus See möglich ist.
Als nächsten Halt empfehle ich das kleine Dorf Kallaste. Auf dem Wege kann man die Burg Alatskivi betrachten, was wie ein Rückzug von der Kultur des Altgläubigen anmutet. Die Burg weist Elemente der estnischen, deutschen und schottischen Bautraditionen auf. Im kleinen Dorf Kallaste lohnt es sich, den Weg am See entlang einzuschlagen und dann den Weg zum Friedhof der Altgläubigen zu nehmen. Die Verstorbenen von Kallaste ruhen auf einer Höhe über dem Uferrand unmittelbar neben dem See. Besonders merkwürdig sehen die Kreuze der Altgläubigen aus. Auf dem oberen Querholz steht altslawisch geschrieben „Vater des Lichtes“ und „Jesus“; auf dem nächsten Querholz „Gottes Sohn“, doch das untere schräge Querholz enthält den Namen des Verstorbenen und erinnert an die beiden Schächer, die zur Seite Jesu auf Golgatha auch rechts und links von ihm gekreuzigt wurden. Wenn wir am Zaun des Friedhofs entlang gehen, kommen wir wieder an das Ufer vom See und an den kleinen Badestrand. Das andere Ufer – das russische – kann man nicht sehen, so dass der Eindruck entsteht, manwäre an dem Ufer eines Meeres.
An der Küste vom Peipus See gibt es sehr viele Übernachtungsmöglichkeiten. Über sie sowie über weitere Ziele für eine Besichtigung sowie über das Museum kann man zu den Gschäftszeiten des Büros und des Dorfkruges und im Internet unter http://www.peipsi.ee weitere Einzelheiten erfahren. Schwerer wird es mit Übernachtungsmöglichkeiten für größere Gruppen. Eins der größten Nachtquartiere ist „Kadrinas hosteli“ einige Kilometer vom Seeufer entfernt. Das hat der Holzbildhauer Taavi Pikk mit seiner Frau erbaut. Unweit vom Nachtquartier hat der Holzbildhauer seine Werkstatt, und auf dem Hof kann man Holzskulpturen betrachten, welche der Künstler selbst hergestellt hat., auch Möbel aus Holz und kleine Märchenhäuser fürKinder.
Am nächsten Tag der Exkursion kann man den Ausflug entlang der Küste vom Peipus See damit fortsetzen, dass man in eines der Bethäuser der einkehrt, sich eine Kollektion von Samowaren ansieht, sollte das Waagenmuseum in Muste besucht. Nach Lettland kann man wieder zurückkehren, wenn man einen Umweg über Peltsama macht und dort den Rosengarten betrachtet und dort eine Kostprobe vom estnischen Wein nimmt und durch das schöne Städtchen geht.

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