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Archive for April 2010

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Lielā talka oder Der Große Einsatz

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Am letzten Samstag im April – das ist in diesem Jahr der 24. – findet

in Lettland die „Lielā Talka“ statt – bzw. „Der Große Arbeitseinsatz“.

„Talka“ ist ein Wort, das nur schwer zu übersetzen ist. Es bedeutet,

daß Nachbarn, Verwandte oder auch Freunde zusammenkommen,

um eine größere Arbeit gemeinsam zu bewältigen. Wenn z.B. ein

großes Kartoffelfeld an einen einzigen Tag abgeerntet werden muß,

ruft man seine Umgebung zu einer „Talka“ zusammen.

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Zur sowjetischen Zeit gab es eine kommunistische „Talka“ . Diese

fand immer am 22. April jedes Jahres statt. Fur Schüler und alle

Arten von „Kollektiven“ war es damals Pflicht, daran teilzunehmen.

Meistens war an solch einem Tag eine bedeutende Stadt zu reinigen,

ein vom Staat geschätzter Park zu entbuschen oder etwas ähnliches.

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Nun ist diese Tradition ist wieder lebendig geworden, aber unter

einem anderen Vorzeichen: Den Menschen wird bewußt gemacht,

daß sie für ein saubereres, schöneres Lettland arbeiten müssen –

und dafür ist jedes Jahr wieder eine Menge zu tun !

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Die anfallenden Aufgaben sind seit Sowjetzeiten dieselben geblieben:

Den vielen achtlos weggeworfenen Müll aus der Landschaft sammeln

(ein nächster Schritt wäre, den Menschen beizubringen, keinen Müll

in die Natur zu werfen), Parks zu säubern usw.

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Geboren wurde die Idee der Großen Talka 2008 zur 90-Jahr-Feier der

Unabhängigkeit Lettlands. In zehn Jahren, d.h. bis zur 100-Jahr-Feier,

möchte man Lettland und die Länder des östlichen Ostseeraums zur

„saubersten Region der Welt“ gemacht haben. Nicht nur die Letten sind

aktiv: Auch unsere baltischen Nachbarn und die Region St. Petersburg !

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In Lettland ist diese neue Tradition sehr schnell richtig beliebt geworden:

Fast in jeder größeren und kleineren Stadt, und in praktisch jedem Dorf

finden solche Arbeitseinsätze statt – rund 1.000 Arbeitseinsätze sind bei

den staatlichen Behörden gemeldet !  Und wirklich alle machen dabei mit:

Unternehmen, Schulen und Universitäten, die Armee und alle Behörden –

und sogar der Präsident Lettlands als Schirmherr legt selbst Hand an !

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Wenn jemand lieber alleine arbeiten will, geht das aber auch. Er kann

dann zum nächsten Supermarkt oder in eine lokale Behörde gehen,

dort einen Müllsack bekommen und sich auf Wunsch auch eine konkrete

Aufgabe zuweisen lassen. Den Müll kann er nachher kostenlos abgeben.

Talka-Zeit ist dabei genau von 9 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags !

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Mehr über die „Liela talka“ findet man – auch auf Russisch und Englisch ! –

auf der Internetseite www.talkas.lv

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Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll
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Heute will ich Euch von der Blauen Kuh aus Kandau (lett.: Kandava),

einer Stadt in Kurland erzählen, der ich letzten Sommer begegnet bin.

Wie sie heißt, weiß ich nicht – aber sie hat ganz bestimmt einen Namen,

weil lettische Kühe immer einen Namen tragen. Aber meine Kuh ist

darüberhinaus eine ganz besondere Kuh – und zwar eine blaue Kuh!

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Kein Scherz: Kühe dieser Rasse tragen tatsächlich ein blaues Fell !!!

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Die Lettische Blaue Kuh ist eine sehr seltene Rasse, die vor kurzem

sogar noch vom Aussterben bedroht war.  Im lettischen Zuchtbuch

kann man heute wieder 89 Kühe dieser Sorte finden. Vor zehn Jahren

unterstützte die UNO die Erhaltung der Rasse, und seitdem beginnt

die Zahl der Blauen Kühe langsam wieder zu wachsen.

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Unsere Wissenschafler denken, daß die Rasse aus Kurland stammt.

Das ist der Zipfel Lettlands, der im Westen weit in die Ostsee ragt.

Hier gehörten sie den letzten Nachfahren der Liven, eines kleinen

finno-ugrischen Volkes. Die finnischen Völker hatte eigene Rassen

an Haustieren, die sich von denen der Europäer klar unterschieden.

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In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts lebten Blaue Kühe auch

im lettischen Teil Livlands (Vidzeme), in der Umgebung von Wenden

(lett.: Cesis) und Wolmar (lett.: Valmiera). Auch hier siedelten früher

Liven, die inzwischen ganz mit den Letten verschmolzen sind.

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Die Blaue Kuh ist ein genügsames Tier, braucht nicht viel Futter –

für sie reichen die Pflanzen, die wild am Ostseestrand wachsen –

und übersteht selbst schlechtestes Wetter ohne jedes Problem.

Sogar im Winter kann man sie im Freien halten: Sie bleibt gesund !

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In der sowjetischen Zeit waren diese Tiere fast ausgestorben.

Die landwirtschaftlichen Großbetriebe sollten in ihrer „Leistung“

„ergiebigere“ Rassen halten, was natürlich falsch gedacht war –

schließlich müssen diese Hochleistungsrassen intensiv betreut

und dazu gefüttert werden, was bei der Blauen gar nicht nötig ist.

So ließen die sowjetischen Funktionäre die Rasse aussterben oder

mit anderen Rassen verkreuzen – bald war sie fast ganz erloschen !

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Aber meinen Blauen Kuh aus Kandau geht’s wirklich gut. Sie weidet

zusammen mit Verwandten aus der zweiten lettischen Rinderrasse

– der Brauen Lettischen Kuh – auf der Weide und ist ganz sicher stolz,

so einzigartig zu sein.

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Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll

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P.S.: Wer sich in Deutschland für baltische Haustierrrassen interessiert,

kann sich am besten an Dr. Thomas W. Wyrwoll in Frankfurt/M. wenden

– der ist Fachmann und hilft uns, die schönen alten Rassen zu erhalten !

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Das zur Zeit in Lettland mit Abstand angesagteste Getränk ist – Birkensaft !

Die Menschen gehen in den Wald, machen Löcher in die Rinde der Birken

und gewinnen aus diesen ein überaus leckeres, süßlich-wäßriges Getränk.

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In meiner Kindheit ist mein Vater immer mit mir in den Wald gegangen,

um Birkensaft zu ernten. Mit einem Bohrer bohrte er ein Loch in den Baum,

in das er einen kleinen Stab steckte. Unter diesen Stab stellte er einen Eimer,

oft auch eine Milchkanne, in die der Birkensaft lief.  Über die kleine Anlage

legte er Tannenäste, um sie zu verstecken und Regenwasser fernzuhalten.

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Wer in Lettland keinen eigenen Wald besitzt, bekommt seinen Birkensaft

meist von Nachbarn oder Verwandten geschenkt, oder er geht zum Markt.

Manche Cafes bieten diesen Saft im Frühling standardmäßig an – ähnlich

wie frischgepreßten Apfel- oder Orangensaft.

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Ab besten trinkt man Birkensaft möglichst frisch, denn mit jeder Stunde

verliert er einen Teil seines Wertes, den seine Inhaltsstoffe bedingen,

wie Mineralien, Fermente, Naturzucker usw. Ich selbst trinke am liebsten

ganz frischen Birkensaft, denn schon am Folgetag schmeckt er bitterer.

Manche Leute füllen dagegen Birkensaft in Flaschen ab, geben ein paar

Rosinen und ein bißchen Zucker dazu und bewahren diese Zubereitung

in kalten Räumen auf. Sie meinen, daß das Getränk in ein paar Monaten

– z. B. zum bei uns wichtigen Johannestag (die Letten nennen ihn Jani)

– wie Sekt schmeckt.

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Na dann: Auf in den Wald und guten Appetit !
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Ein Nachtrag: Am Samstag war ich unterwegs nach Segewold (lett.: Sigulda),
und dabei boten sich mir fast direkt hinter der Kremon-Kirche (lett.: Krimulda)
diese Bilder: Kinder verkauften frischen Birkensaft von den eigenen Birken !
Wie man sehen kann, haben die Kinder sowohl fleißig im Wald gearbeitet als
auch bestens für Werbung gesorgt ! Meine Mitfahrerin hat gleich fünf Liter des
köstlichen Safts gekauft. Auf dem Rückweg sahen wir dann den Papa der Kinder
an ihrem Stand sitzen. In diesem Fall sollte aber nicht (wie so oft bei uns nötig)
das karge Familieneinkommen aufgebessert werden, sondern das Taschengeld.
Wahrscheinlich genossen die kleinen Verkaufer ihr Mittagessen oder eine sicher
wohlverdiente Verschnaufpause. Ihr Birkensaft ist einfach köstlich !!!


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Anmerkung des Übersetzers: Es trägt sehr zur Schonung des Baumes bei,

wenn man nur einzelne Zweige an der Spitze anschneidet und an ihnen

eine den Ast nach unten neigende Flasche befestigt. Anstelle des Haupt-

stammes kann man auch einige der Seitenäste in Stammnähe anbohren.

Früher regelten bei vielen Völkern Rituale diese Schonung der Bäume.

Die Safterntezeit liegt zwischen dem Ende des Frosts und dem Beginn

des Sprießens der Blätter – nachher schmeckt Birkensaft äußerst bitter !

Auch ich kann mich Ingridas geschmacklicher Meinung nur anschließen:

Birkensaft schmeckt mir frisch mit Abstand am besten !!! Freilich kann man

ihn auch vergären lassen – der danach bittere Geschmack ist allerdings

sehr gewöhnungsbedürftig. Ein solches Getränk fand ich unlängst sogar

auf eine moderne Plastikflasche verfüllt in einem lettischen Supermarkt.

Mit Zucker eingekocht kann man Birkensaft zu „Birkenwein“ verarbeiten,

aus dem man unter Hefezugabe o.ä. sogar „Birkenchampagner“ herstellt.

Gereinigt, leicht gezuckert und pasteurisiert wurde trinkbarer Birkensaft

noch zu Sowjetzeiten industriell in Flaschen und Gläser gefüllt verkauft –

mit dem „Kapitalismus“ verschwanden leider viele gute Lebensmittel !

T.W.

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Übersetzung: Thomas W. Wyrwoll

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